Erdogan in Berlin

Mit einem Video-Anruf überraschte der türkische Präsident Erdogan eines der Opfer aus Hanau. Den Kontakt hätten Vertreter der türkischen Regierungspartei AKP hergestellt, sagte der Vater des Opfers dem hr. Doch die Umarmung aus Ankara kam nicht bei allen gut an.

Türkische Zeitungen und Online-Medien haben es längst aufgegriffen: Ihr Präsident Recep Tayyip Erdogan kümmert sich persönlich um die Opfer des Anschlags von Hanau. Per Video-App erkundigt er sich nach dem Befinden des jungen Hanauers Muhammet B., der mit einer Schusswunde an der Schulter in einem Hanauer Krankenhaus liegt.

Der Video-Anruf kam auf ungewöhnliche Weise zustande, wie Muhammets Vater auf hr-Anfrage schildert: Zwei Tage nach dem Anschlag kommen demnach Vertreter der türkischen Regierung aus Ankara in Muhammets Krankenzimmer, um gute Besserung zu wünschen. Sie sagen zu Muhammet: "Da will dich jemand sprechen" und drücken ihm ein Handy in die Hand, auf dem der türkische Präsident schon zugeschaltet ist.

Keine Vereinnahmung

Der weitere Verlauf lässt sich auf Youtube-Videos verfolgen, denn Umstehende filmen das Geschehen mit dem Handy.

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Muhammet, der in Hanau lebt und aufgewachsen ist, weiß seinerseits mit dem älteren Herrn auf dem Handy-Bildschirm erst nicht viel anzufangen, nennt ihn "Abi", großer Bruder. Die Umstehenden flüstern ihm zu, dass es sich um den Präsidenten handelt.

Es entwickelt sich ein kurzes, eher formelhaftes Gespräch. Der Präsident fragt, wie es Muhammet gehe, ob er Schmerzen habe. Muhammet beruhigt, es gehe ihm gut, Gott sei Dank. Der Präsident lässt alle im Krankenzimmer herzlich grüßen und verabschiedet sich.

So weit, so harmlos. Muhammets Vater sagt, man sehe darin keine politische Vereinnahmung durch die türkische Regierung. Bei ihnen sei die Tür für alle offen. Über einen Anruf von Angela Merkel hätte er, der Vater, sich auch gefreut. Denn er sei Deutscher und wähle in Deutschland. Merkel habe aber nicht angerufen.

Anruf mit Hintergedanke

Folgt man einem Bericht der türkischen Zeitung Hürriyet, hat sich Erdogan dagegen Zeit für mehrere Anrufe nach Hanau genommen. Auch Selahattin G., den Vater des bei dem Anschlag ermordeten Shisha-Bar-Besitzers Sedat G., habe der Präsident angerufen, heißt es in dem Bericht. Erdogans Emissär Abdullah Eren, Leiter des Amtes für Auslandstürken (YTB), hat demnach in Hanau weitere Betroffene besucht.

In Ankaras Bemühungen um die Opfer von Hanau sehen aber nicht alle nur eine fürsorgliche Geste. Türkische Nationalisten missbrauchten die Opfer von Hanau für ihre politischen Zwecke, argumentiert etwa die Hanauer Publizistin Canan Topcu in der Frankfurter Rundschau.

Topcu stößt sich vor allem an der Massenkundgebung in Hanau am vergangenen Sonntag. Zu der hätten die türkischen Konsulate türkischstämmige Menschen aus der ganzen Bundesrepublik mobilisiert. Tatsächlich wurden auf der Kundgebung unzählige, teilweise riesenhafte türkische Fahnen geschwenkt. Topcu spricht von einer "nationalistischen Machtdemonstration". Das laufe den allgegenwärtigen Forderungen nach Zusammenhalt zuwider.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 26.2.2020, 15 bis 18 Uhr

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