Menschen halten bei einer Demonstration Schilder unter anderem mit dem Schriftzug "Am I next?" auf dem Freiheitsplatz hoch.

Wolfhagen-Ista im Landkreis Kassel, Halle und jetzt Hanau: Drei Anschläge mit Toten in nur neun Monaten. Immer war das Motiv Rassismus und Rechtsextremismus. Zwei der drei Tatorte liegen in Hessen. Hat das Bundesland ein besonderes Problem?

In Hanau gehen die Menschen seit Tagen gegen Rassismus und rechten Terror auf die Straße. Demonstrationen gegen das Unfassbare. An den Tatorten werden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Trauer um Menschen, die ein Rassist mit psychischen Störungen erschossen haben soll.

"Ausmaß rechter Strukturen ist sehr groß"

Meron Mendel von der Frankfurter Bildungsstätte Anne-Frank will nicht von einem Einzelfall sprechen. "Wir wissen durch die unmittelbare Arbeit mit Betroffenen von rechter und rassistischer Gewalt, dass das Ausmaß von rechten Strukturen in Hessen sehr groß ist. Und vor allem, dass dieses Ausmaß ständig wächst."

Die Liste rechter Morde, Anschläge und Bedrohungen in Hessen ist lang. Dazu zählt der Mord des sogenannten NSU an Halit Yozgat in Kassel. Die Frankfurter Anwältin Sedar Basay Yildiz erhält Morddrohungen, die mit NSU 2.0 unterzeichnet sind. In Wächtersbach schießt ein Deutscher auf einen Eritreer und verletzt ihn schwer. Und im Juni vergangenen Jahres wird der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke in Wolfhagen auf seiner Terrasse erschossen. Vermutlich durch einen Rechtsextremisten.

Keine letztgültige Antwort

Immer wieder Hessen. Warum? "Alle Erklärungen, die ich bisher dazu gehört habe, warum es zu dieser Häufung in Hessen kommt, haben mich nicht überzeugt", sagt der ARD-Trrorismusexperte Georg Mascolo. "Zustände wie in Hessen findet man in anderen Bundesländern auch, so dass die Frage, warum trifft es Hessen so oft und so hart eine ist, auf die es aus meiner Sicht keine gute und letztgültige Antwort gibt."

Beispielsweise in Dortmund oder in Dresden zeigen Neonazis offen ihre Gesinnung. Geschossen wird aber in Hessen – wie zuletzt in Hanau. In Hessen sei zwar die klassische Neonazi-Szene weniger präsent und weniger sichtbar als früher, sagt Reiner Becker vom "Beratungsnetzwerk Hessen -  gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus". "Wir haben weniger Kameradschaften, Skinhead-Gruppen. Gleichzeitig beobachten wir und nehmen an diesem schrecklichen Ereignis war, dass die Gewaltbereitschaft sehr, sehr zugenommen hat – auch in Hessen."

Hemmschwelle für Gewalt sinkt

Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank glaubt, dass die Politik nicht anerkennt, dass es aktive rassistische und rechtsextreme Strukturen in Hessen gebe. "Ich denke, in Hessen gibt es eine Gleichzeitigkeit zwischen einer Selbstwahrnehmung von einem weltoffenen und internationalen Bundesland – und der Tatsache, dass Rassismus und Rechtsextreme Strukturen ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft hier in Hessen ist."

Klar scheint zumindest, dass die Polarisierung der Gesellschaft mit der Flüchtlingswelle 2015 zugenommen hat. Seitdem herrscht in sozialen Medien, auf Demonstrationen und in Parlamenten ein deutlich rauerer Ton. Teils ein hasserfüllter Ton. Und die Folge ist, dass die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, sinkt.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 25.2.2020, 8:35 Uhr

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