Flüchtlinge im Boot
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2015 kamen fast 900.000 Geflüchtete nach Deutschland und wurden vielerorts willkommen geheißen. Wie ist die Stimmung im Land heute?

2015 wurden Flüchtlinge in Deutschlands vielerorts mit Applaus willkommen geheißen. Die Kanzlerin sagte: "Wir schaffen das". Martin Schulz, bald darauf SPD-Kanzlerkandidat, meinte: "Das, was die Menschen zu uns bringen, ist wertvoller als Gold - es ist der Glaube an Europa." Seitdem wird besonders viel über Flüchtlinge gesprochen. Franziska Vilmar von Amnesty International teilt diesen Eindruck: "Sicherlich ist es wichtig, dass der Begriff Flüchtlinge in allen Köpfen viel präsenter ist als noch vor fünf Jahren. Das finde ich per se erst mal gut, weil es ist eine sehr schutzbedürftige Gruppe, die es in der Welt gibt."

Weltweit 68 Millionen Menschen auf der Flucht

Weltweit sind laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mittlerweile über 68 Millionen Menschen auf der Flucht. Nicht ganz eine Million Schutzsuchende lebte Ende 2017 laut UNHCR in Deutschland. Rund 800.000 sind anerkannt, als Asylbewerber oder anders geschützt. Aber: Europa, auch Deutschland, versucht alles, dass nicht noch mehr kommen. Und abgelehnte Asylbewerber werden zunehmend abgeschoben. Dennoch flüchten weiter Menschen übers Mittelmeer. Der Kölner Erzbischof Rainer Woelki kritisierte im Juli: "Während alleine in diesem Jahr im Mittelmeer schon wieder über 1.400 Flüchtlinge ertrunken sind, spielen die von uns gewählten Politiker eiskalt und selbstverliebt ihre Machtspielchen." Mittlerweile sind schon 1.700 Menschen in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunken.

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Tag des Flüchtlings

Im Jahr 2015 wurde der 28. September von Hilfsorgabnisationen, Kirchen und Kommunen in Deutschland zum "Tag des Flüchtlings" ausgerufen. Sie appellieren damit an die internationale Gemeinschaft, Verantwortung für schutzsuchende Menschen zu übernehmen und Mitgefühl zu zeigen.

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Wohl wegen der Flüchtlinge sitzt mittlerweile die AfD im Bundestag. Flüchtlinge werden vielfach als Bedrohung angesehen. AfD-Chefin Alice Weidel fragte ironisch, wer in Zukunft die Renten und Pensionen bezahlen würde: "Ihre eingewanderten Goldstücke etwa? Das glauben Sie doch nicht im Ernst!" Dabei haben laut Bundesanstalt für Arbeit schon über 300.000 Flüchtlinge einen Job gefunden.

Abwehrreraktionen und Solidarität

Günther Burckhardt von Pro Asyl meint, "dass die Abwehrreaktion in der Bevölkerung mittlerweile da ist: 'Wir wollen keine Flüchtlinge', egal, wie man sie bezeichnet." Auch das UNHCR stellt zum Tages des Flüchtlings fest, dass es immer schwieriger für Schutzsuchende werde, Gehör zu finden. Es gebe aber auch Meldungen über große Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Flüchtlingen, die hoffnungsvoll stimmten. Das sogenannte Integrationsbarometer, eine repräsentative Befragung, die kürzlich vorgestellt wurde, beobachtet seit 2015 nur einen ganz leichten Rückgang in der Haltung zu Flüchtlingen. "Die Mehrheit der Befragten betrachtet diese Neuzuwanderer als eine wirtschaftliche Bereicherung - das verwundert vielleicht gar nicht so angesichts der guten Arbeitsmarktsituation, aber auch als eine kulturelle Bereicherung. Das sehen wir ganz klar an unseren Daten", sagt Claudia Diehl, die das Integrationsbarometer mit erstellt hat.

Andererseits stellen laut einer Umfrage von infratest dimap rund Dreiviertel der Befragten der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung bei Integration von Flüchtlingen und bei Vorbeugung vor Gewalt und Kriminalität ein schlechtes Zeugnis aus.

Sendung: hr-iNFO, 28.9.2018, 14:30 Uhr

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