Moritz Helmstaedter

Trotz aller Warnungen, Abstand zu halten, scheinen nicht alle die die Dringlichkeit der Lage zu begreifen. Das liegt daran, dass unser Hirn Gefahren wie die Corona-Pandemie nur schlecht erfassen kann, sagt Helmstaedter. Unser Angstsystem müsse anspringen, damit wir angemessen reagieren.

hr-iNFO: Haben die Leute, die jetzt immer noch in Massen unterwegs sind, eigentlich ihr Gehirn ausgeschaltet und verdrängen das Problem einfach?

Helmstaedter: Ja, sicherlich, Verdrängung ist auch dabei. Aber wir haben es ja auch wirklich mit einer riesigen Gefahr zu tun, die sich ganz schwer erkennen lässt und da gibt es eine ganz besondere Sache in unserem Gehirn: Dass wir für die Art von Gefahr, die jetzt vor uns steht, keine Intuition haben. Wir sind sehr gut darin, Dinge vorherzusehen, die sich linear entwickeln. Also wenn die Regentonne heute ein Drittel voll ist wegen Starkregen, dann wissen wir, in zwei, drei Tagen läuft sie über. Wenn wir eine zweite dazu stellen, dann ist das Problem im Griff.

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Aber ein Prozess, in dem jetzt vielleicht die Regentonne langsam voll läuft in zwei bis drei Wochen, aber die ganze Stadt überflutet ist, sowas kennen wir nicht. So etwas haben wir in unserem Leben eigentlich noch nie erlebt und wir haben da auch im Gehirn keine besonders gute Intuition, keine besonders gute Vermutung darüber. Insofern will ich gar keine großen Vorwürfe machen. Wir sind einfach sehr schlecht darin, diese immense, riesige Gefahr, die da vor uns steht, intuitiv zu erfassen.

"Wir brauchen jetzt unser Angstsystem"

hr-iNFO: Wenn wir solche Appelle hören, soziale Kontakte zu meiden, dann sagt uns der Verstand, wir sollten uns daran halten, aber emotional neigen wir doch eher dazu, Menschen zu treffen. Werden da zwei verschiedene Bereiche des Gehirns angesprochen, die miteinander im Widerstreit stehen?

Helmstaedter: Ganz sicher! Es ist sicher so, dass wir viele Dinge ganz erfolgreich lösen, indem wir uns verlassen auf Erfahrenes, auf Gelerntes. Unser Gehirn lernt ja auf verschiedene Weise. Eine Sache ist das Wiederholen, so lernen wir Fahrradfahren oder Skifahren oder Klavierspielen, indem wir Dinge ganz oft trainieren. Und dann gibt es wichtige Ereignisse, die merken wir uns, auch wenn sie nur einmal passieren. Also heiraten müssen wir nur einmal und merken es uns trotzdem ein ganzes Leben lang.

Und dann gibt es Dinge in dieser Welt, die sind so gefährlich - wenn die einmal passieren, ist es schon zu spät. Historisch war das der Tiger in der freien Wildbahn. Wenn ich den einmal zu nah erlebt habe, brauche ich nichts mehr zu lernen, dann ist es zu spät. Und für diese Situation haben wir, was wir das Angstsystem nennen. Wir haben im Gehirn ein System, was in der Lage ist, Angst, Flucht, auch Panik hervorzurufen, die dazu führen, dass wir wegrennen, wenn auch nur der leiseste Verdacht herrscht, dass da ein Tiger kommen könnte. Und dieses Angstsystem brauchen wir jetzt.

Das wiederspricht dem, was viele tun im Moment: beschwichtigen und sagen, wir sollten keine Angst haben. Doch! Die Situation ist so schwerwiegend, dass es zu spät ist, wenn wir sie erleben, dass wir jetzt nur noch die Chance haben, mit unserem Angstsystem auf das, was da kommt, zu reagieren. Nach Hause zu rennen, Fluchtreflexe auszulösen und zu sagen: Alle nach Hause! Wir müssen jetzt einen kompletten Stopp des sozialen Lebens haben, sonst ist das, was da kommt, etwas, was auf Generationen nicht mehr vergessen werden kann.

"Wir brauchen spätestens Montag einen Shutdown"

hr-iNFO: Wovon hängt es denn ab, welcher Teil des Gehirnes die Überhand behält? Der rationale oder der irrationale?

Antwort: Naja, da passieren schon viele Dinge wegen Erinnerungen oder Bildern, die man sieht. Sicherlich ist der emotionale Teil besser anzusprechen, indem man sich nochmal anschaut, was in Italien gerade passiert, um sich klarzumachen, dass das nichts ist, was nicht auch bei uns passieren könnte. Für rationale Argumente ist jetzt faktisch keine Zeit mehr. Die Epidemiologische Gesellschaft hat das heute veröffentlicht: Wir haben höchstens noch sieben Tage, um komplett alles zuzumachen. Aber ich denke schon drei Tage warten ist problematisch bei einem Virus, das sich alle drei Tage verdoppelt in der Verbreitung. Also faktisch brauchen wir heute, spätestens Montag einen Shutdown.

hr-iNFO: Müssten vielleicht besser Belohnungsanreize gesetzt werden statt mit Strafen zu drohen?

Helmstaedter: Tatsächlich sind Strafen nicht das Beste. Ich glaube aber, dass wenn der Motivationschub von innen kommt, durch Aktivierung der Ur-Ängste, dann braucht es das auch gar nicht mehr. Ich glaube, dass wir alle das, was da kommen wird, auch gar nicht wollen. Das will ja keiner, keiner will Großeltern verlieren, keiner will Freunde verlieren. Wir müssen einfach nur klarmachen, dass das jetzt das ist, was an erster Stelle steht. Und ich glaube, dass das die richtige Reaktion hervorrufen wird, auch ohne Strafe. Es geht jetzt wirklich um etwas, was wir als Angst bezeichnen.

Gut leben trotz Isolation

hr-iNFO: Wie ist das denn, wenn Menschen mehrere Wochen lang in Isolation leben wegen einer Ausgangssperre? Was macht das mit uns, was macht das mit unserem Gehirn?

Helmstaedter: Das ist natürlich eine ganz besonders ungewöhnliche Situation, wo dann vieles, was uns vertraut ist, wegfällt. Und es wird jetzt auch schon oft besprochen, wie ungewöhnlich es ist, soziale Dinge so abzuschalten. Wir haben aber natürlich eine Zeit, in der wir technologisch so weit sind, auch vieles ersetzen zu können. Früher war es nicht möglich, im Hausarrest sozusagen trotzdem viel mit Freunden und Familienmitgliedern zu kommunizieren.

Ich denke, das müssen wir nutzen, wir müssen uns alle darauf vorbereiten, jetzt einige Monate lang per Video mit den Liebsten zu sprechen. Wir sollten jetzt unseren Großeltern beibringen, wie das geht und vielleicht noch ein Tablet vorbeibringen, damit man die nächsten Monate über diese modernen Technologien in Kontakt stehen kann. Und das ist dann was, wo unser Gehirn sehr adaptiv ist und wo wir kreativ sind und wo eben diese Dinge benutzt werden sollten, dass wir tolle Ideen haben, wie wir trotzdem ein gutes Leben führen.

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Das Gespräch führte Gerd Kuhn

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 20.3.2020, 12 bis 15 Uhr

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