Corona-Patienten werden im Krankenhaus versorgt.

Auch wenn die Impfungen gegen Corona vorankommen, wird in der Forschung weiter nach Medikamenten gesucht, die gegen das Virus helfen. Der aktuelle Hoffnungsträger ist eigentlich ein Mittel gegen Bandwürmer.

Forscherinnen und Forscher der Charité und der Universität Bonn machen Hoffnung auf ein neues Medikament gegen Covid-19. Es handelt sich um ein Medikament, das schon als Bandwurmmittel eingesetzt wird. Es heißt Niclosamid.

Die Forscher haben die Wirksamkeit gegen Corona schon in Zellkulturen untersucht. Und es hat sich gezeigt, dass die Produktion von infektiösen SARS-CoV-2 Partikeln um 99 Prozent gesenkt werden konnte. Kommt die Forschung also voran mit der Covid-19 Therapie? Das haben wir Cornelia Eulitz aus dem hr-info-Wissensteam gefragt.

hr-iNFO: Wie kommt man denn ausgerechnet darauf, ein Entwurmungsmittel auf Tauglichkeit gegen Corona zu testen?

Cornelia Eulitz: Das ist gar nicht so neu. Es gibt das relativ bekannte Wurmmittel Ivermectin, das man auch schon gegen das SARS-Cov-2 Virus ausprobiert hat. Niclosamid und Ivermectin sind Medikamente, die die Virusvermehrung in der Zelle hemmen sollen.

Es gibt in den Wirtszellen eine Art Selbstverdauungsmechanismus (Autophagie), bei dem die Zelle beschädigtes Zellmaterial und Abfallprodukte abbaut. Auch Virenmaterial würde die Zelle so entsorgen.

Dem versucht das Virus zu entgehen, indem es die Autophagie in den Zellen bremst. Niclosamid wiederum kurbelt das Zell-Recycling an und das Virus kann sich nicht so stark vermehren. In Zellkulturen hat man diesen antiviralen Effekt nachgewiesen, jetzt sucht man Teilnehmende, um das auch in einer Studie am Menschen zu untersuchen.

hr-iNFO: Zeigt dieses Beispiel Niclosamid denn, dass wir auf einem guten Weg sind, bald wirksame Medikamente gegen Covid-19 zu haben?

Eulitz: Das ist natürlich ein großer Wunsch bei Forschern, Medizinern und Medizinerinnen. Denn wir brauchen ja Medikamente. Wir werden es nicht schaffen, komplett gegen das Virus anzuimpfen. Gerade jetzt mit aggressiveren Mutanten wie Delta werden sich weiter Menschen anstecken und auch erkranken. Und deshalb wird da auch fieberhaft geforscht.

Und es kommen jeden Tag Presseveröffentlichungen, die sagen, wir haben hier tolle Studiendaten zu unserem Medikament. Allerdings muss man sehen, wie belastbar sind diese Aussagen und gibt es wirklich eine Evidenz – also eine nachgewiesene Wirksamkeit. Bei Ivermectin zum Beispiel konnte das zumindest bei der stationären Therapie von Covid-19-Parienten nicht belegt werden.

Bei Niclosamid soll das jetzt gelingen. Die Forscher haben ihre Untersuchungen in dem wissenschaftlichen Fachblatt Nature Communications veröffentlicht, da werden die Studie und die Ergebnisse diskutiert und begutachtet. Jetzt kommt die Studie an Probanden. Der Vorteil ist, dieses Wurmmittel wäre ein Repurpose-Medikament, also eine Umwidmung. Das heißt, es ist schon zugelassen und die Sicherheit ist schon nachgewiesen.

hr-iNFO: Niclosamid ist ein Beispiel. Wie viele Therapeutika werden denn derzeit insgesamt entwickelt?

Eulitz: Dazu gab es gerade eine Untersuchung der Unternehmensberatung EY, die sich den Pharmamarkt in diesem Bereich angesehen hat. Die Untersuchung besagt, es sind im Moment 465 Wirkstoffe in klinischen Testphasen II und III. Das heißt, diese Medikamente wären schon nahe an der Zulassung. Da kann aber immer noch viel passieren.

Zum Beispiel der antivirale Wirkstoff Molnupiravir, der als mögliches Covid-Medikament getestet wird. Da haben die Forscher kürzlich angekündigt, dass sie die Phase III-Studie bei Krankenhaus-Patienten nicht weiterführen, weil es keine ausreichenden Erfolge gab und man führt die Studie nur bei nicht hospitalisierten Covid-19-Patienten weiter. Das Ergebnis kommt vermutlich Ende des Jahres. Es ist also nicht so, dass wir jetzt mit neuen Medikamenten überschwemmt werden.

hr-iNFO: Was ist mit den Medikamenten, die schon zugelassen sind oder schon eingesetzt werden? Wie sind da die Erfahrungen?

Eulitz: Man muss sehen, wann solche Medikamente Sinn machen. Monoklonale Antikörper oder Rekonvaleszenten-Plasma zum Beispiel können positive Effekte haben, wenn sie sehr früh eingesetzt werden, wenn es darum geht, die Virusvermehrung in den Griff zu bekommen. Da ist auch das Virostatikum Remdesivir zu nennen, das ist in der EU schon zugelassen, trotzdem wird es zum Beispiel zur Therapie im Krankenhaus nicht zwingend empfohlen.

Dazu gibt es eine Leitlinie der medizinischen Fachgesellschaften, die ganz klar sagt: Das bringt bei Krankenhauspatienten noch etwas und das nicht. Und der Nutzen von Monoklonalen Antikörpern ist für diese Leitlinie noch nicht gut genug belegt.

Ganz klare Empfehlungen gibt es in der Krankenhaus-Leitlinie eigentlich nur für Dexamethason, um die Entzündungen in den Griff zu kriegen, die von einer überschießenden Immunreaktion verursacht werden.

Es wäre also schön, wenn unter den über 400 Medikamenten, die jetzt in der Entwicklung sind, das eine dabei ist. Das könnten wir gut gebrauchen.

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