Hinnerk Polenski, Zen-Meister
Hinnerk Polenski Bild © zen-leadership.de

Er ist einer von wenigen Europäern mit offizieller Lehrerlaubnis für japanischen Zen-Buddhismus. Im Interview spricht er über die Suche nach Sinn, den Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum und darüber, was Führungskräfte von ihm lernen können.

hr-iNFO: Zen-Meister, das wird einem Hinnerk nicht gerade in die Wiege gelegt, oder?

Polenski: Fast. Die Geschichte hat schon sehr früh angefangen. Ich war fünf, sechs Jahre alt, als ich ein Erlebnis hatte, das man als spirituell bezeichnen kann: eine tiefe Einsicht von großem Geist auf der einen Seite,  auf der anderen Seite ist man sechs Jahre alt und kann damit auch nicht wirklich was anfangen. Damit haben für mich auch viele Probleme angefangen in der Welt. Es war nämlich eine Klarheit auf der einen Seite, aber wenn man sechs ist, hat man auch keinen Durchblick, man hat keine Alternative …

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Zur Person

Hinnerk Polenski wurde 1959 in Kiel geboren und ist Abt des Zen-Klosters Buchenberg im Allgäu. Gemeinsam mit seinem Lehrer Reiko Mukai gründete er die Daishin-Zen-Linie, eine Zen-Schule, deren Schwerpunkt auf die Entwicklung eines europäischen Zen-Weges gerichtet ist. Zen Leadership, also Zen für Führungskräfte, ist eine von drei Ausrichtungen des Daishin Zen.

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hr-iNFO: Was haben Sie erlebt?

Polenski: Ich habe mit meiner Schwester gespielt in einer Straße in Kiel, die hieß auch noch bezeichnenderweise der Philosophengang - nomen est omen. Wir haben also gespielt und plötzlich guck ich zum Himmel und da war eine große Helligkeit und da war ein Nichts und dann war der kleine Junge wieder da und sagte einfach nur ‚großer Geist‘. Und dann guck ich meine Schwester an und sagte: Ich habe ein neues Spiel, das heißt ‚großer Geist‘.

Und das Spiel spiele ich seitdem, aber es hat sehr lange gedauert - fast elf Jahre -, bis ich verstanden habe, dass das auch ein Weg ist, dass man das ohne Weg nicht öffnen, nicht bezeugen kann. Es war eine schwierige Zeit, besonders die Schulzeit war etwas schwierig, weil man so eine Ambivalenz hat: Man hat eine Klarheit, eine Helligkeit, aber man hat noch keine Alternative zu dem, was dort angeboten wird.

"Danach war die Welt eine andere"

hr-iNFO: Was ich verstehen würde ist, dass man als Kind in einer Situation des Träumens etwas erlebt, wovon man im Rückblick denkt, das hatte eine gewisse Tiefe. Aber bei Ihnen war das doch schon sehr eigenartig, dass Sie so ein Wort plötzlich empfangen haben, oder?

Polenski: Ich fand das schon so, es war wie ein Schnitt. Also danach war die Welt eine andere. Das war schon sehr drastisch, aber Sie haben recht: Ich glaube, dass jeder Mensch oder jeder Zuhörer,  wenn er so mal hineinfühlt, irgendwo in der Kindheit etwas findet, was ihn sehr berührt hat und was dem sehr ähnlich ist. Wir Menschen haben alle diese Offenheit und Kinder ganz besonders. Das war nun sehr stark, aber ich glaube, dass man irgendwo einen Moment finden kann - die Sonne geht unter oder jemand sagt irgendwas - und plötzlich ist man so berührt. Wenn man sehr tief guckt, spürt man das noch, aber es hat eben keine Bedeutung in der Wirklichkeit unserer Welt.

hr-iNFO: Sie haben in Japan Zen geübt und gelernt. Wenn man auf diesem Wege zur Meisterschaft kommen will, braucht man ja einen eigenen Meister. Das heißt, es ist kein Kursprogramm, das man absolviert, wo man nach neun Monaten irgendetwas ist. Das ist für uns Westler eine eher ungewohnte Form von Lernen und Lehren. Was ist das für eine Beziehung zwischen Schüler und Meister?

Polenski: Ich glaube, dass das Besondere des japanischen Zen ist, dass auf der einen Seite der Schüler sich wirklich hingibt, aber es ist kein Guru. Das heißt, sobald der Meister spürt, dass der Schüler den Meister bewundert, tut er etwas geradezu Despektierliches, vielleicht um ihn wieder rauszubringen. Das heißt, der Meister darf nie zwischen dem Schüler und seinem Weg und seiner Vollendung stehen. So hat es eine Ambivalenz: einerseits ein asiatischer, spiritueller Meister, dem man sich hingibt in tiefer Form, auf der anderen Seite wie ein Student zu einem wirklich guten Professor. Der Schüler muss besser werden als der Meister. Das ist ein großer Unterschied zu der typischen Schüler-Guru-Jünger-Ebene.

hr-iNFO: Sie sind Abt des Zen-Klosters Buchenberg im Allgäu. Ein Kloster aus westlicher Vorstellung ist ein Ort, wo Mönche oder Nonnen ein gemeinschaftliches Leben führen. Wie ist das hier, haben Sie weitere Mönche im Haus?

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Zen

Zen ist ein Weg zu geistiger Erkenntnis, in dessen Mittelpunkt die Übung des Stillsitzens der Meditation steht.

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Polenski: Natürlich ist ein Zen-Kloster etwas anderes als ein christliches Kloster. Ein Zen-Kloster ist immer Kloster auf Zeit, weil der Sinn des Zen ist Zen im Alltag, in der Welt. So ist es so, dass man eben eine längere Zeit hier zur Ausbildung ist. Natürlich gibt es auch Menschen, die die Ausbildung soweit abgeschlossen haben und sich dann entschlossen haben, hier zu leben. Wir haben ein Team von etwa 20 Menschen hier, das besteht aus jungen Leuten, die kostenlos über drei, vier Monate hier leben können und auch länger, einige Laien-Mönche und -Nonnen und einige Herrschaften, die hier arbeiten ganz einfach, wunderbare Köche. Und die meisten sind Schüler und tragen diesen Rahmen, so dass wir einen spirituellen Tagesablauf haben, der morgens um fünf beginnt.

"Die Menschen finden den Sinn selbst heraus"

hr-iNFO: Sie haben eben gesagt, Sie haben auch junge Menschen im Kloster, also die zwischen Schule und Beruf eine Zeit bei ihnen sind. Was wollen Sie denen denn mitgeben?

Polenski: Ich möchte Ihnen Werkzeug mitgeben in dieser doch immer schwieriger werdenden Welt der Herausforderungen, auch der Arbeitswelt, gut durchzukommen und nicht eben mit 30 oder 40 in Burnout zu gehen. Ich möchte ihnen aber auch das Werkzeug geben, ihrem eigenen Herzen zu folgen und auch die Kraft zu entwickeln. Wir sind ja eine gemeinnützige Organisationen und wir leben von Spenden, wir leben von Seminar-Beiträgen und wir versuchen, immer so viel zu haben, dass jeder Zehnte hier so leben kann, und das sind dann einfach eher die, die genau zwischen Ausbildung und Beruf stehen. Ich glaube, das ist sehr wichtig, dass man an dieser Stelle nicht vom Regen in die Traufe kommt.

hr-iNFO: Was ist der lebenshilfliche Quantensprung, den sie anbieten mit dieser Meditation?

Polenski: Zwei Dinge: Wir sind nicht auf dieser Welt und hier geboren, um ausschließlich auf eine schöne Art und Weise zu stoffwechseln. Das heißt, es gibt schon einen Sinn, warum wir hier sind. Im Zen ist es nicht so, dass der Zen-Meister den Menschen den Sinn erklärt, sondern die Menschen bekommen es selber raus. Und dieser Weg zu diesem inneren Sinn nennt man auch den Weg zur inneren Mitte, zu spüren: Was ist Leben, warum bin ich hier, was ist mein Weg und was gehört dazu? Und die erste Mitte, die sich öffnet, ist die Kraft-Mitte und das kann man relativ schnell gerade jungen Leuten geben. Das spüren die auch, dass das gut für sie ist und dass sie aus dieser Kraft-Mitte den Mut haben, sich nicht in diesem Wahnsinn zu verlieren, sondern auch ihren eigenen Weg im Zentrum sehen.

hr-iNFO: Kraft-Mitte ist nichts Geistiges,  sondern das ist wirklich auch die Körperlichkeit, also die Kraft, die der Körper zur Verfügung stellt?

Polenski: Das ist die Einheit von Körper und Geist und Energie. Der Mensch spürt zum ersten Mal, dass es etwas in ihm gibt, das nicht nur bedingt ist, und diese Qualität, dieses Unbedingte, das ist ein großer Quantensprung, wenn ich das zum ersten Mal spüre.

hr-iNFO: Und der Sinn, mit dem ich auf der Welt bin, das verkleidet sich ja dann in verschiedensten Biografien, in ganz verschiedene Berufe. Ist das auch etwas, das Sie anzielen oder ist das für Sie auf einer anderen, noch davorliegenden Ebene, wenn Sie von dem Sinn sprechen?

Polenski: Der Sinn ist ein Koan. Das ist japanisch und heißt ein Rätsel. Und ein Rätsel ist etwas, was man nur selber lösen kann. Jeder Mensch wird mit diesem Koan geboren: Was ist Leben, was ist Sinn, was ist meine innere Mitte, was ist die Quelle? Wir haben ja viele Angebote: Familie und Politik, Gesellschaft … Aber es ist die Frage: Reicht das? Ist das wirklich die Essenz oder gibt es noch etwas Tieferes, das mir Kraft gibt? Das muss jeder selber rausfinden und dabei helfe ich ihm.

"Wir sehen den Buddhismus ein bisschen falsch"

hr-iNFO: Sie haben mit ihrem Lehrer Reiko Mukai Roshi eine neue Richtung, eine neue Schule im Zen begründet - die Daishin-Zen-Linie. Ihr Schwerpunkt dabei ist die Entwicklung eines europäischen Zen-Weges. Was ist das Europäische daran?

Polenski: Im Asiatischen steht das Kollektive sehr im Vordergrund und bei uns ist es das Individuelle. Ich halte das Individuelle - wenn wir es überwinden und in eine Verbindung kommen mit anderen Individuen – für etwas sehr Gutes. Und ich halte auch die westliche Neugierde für was sehr Gutes und das Innovative, das Inspirative. Ich bin sehr von der Aufklärung, von Philosophie geprägt, ich bin ein großer Anhänger der offenen Gesellschaft - und so versuche ich, diesen Raum hier zu öffnen, das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen.

hr-iNFO: Warum glauben Sie, kann der Buddhismus in Deutschland oder auch im Westen eigentlich so relativ gut andocken? Oder ist das vielleicht eine optische Täuschung und wir verstehen den Buddhismus im Grunde auch falsch - als so eine Entspannungs-Oase und am Ende ist der Buddhismus doch was ganz anderes?

Polenski: Beides trifft zu. Einerseits sehen wir den Buddhismus auch ein bisschen falsch, in den letzten zwanzig Jahren ist es aus Amerika kommend ein großer Trend geworden, christliche Werte und buddhistische in einen Topf zu rühren. Ich treffe viele Menschen, die mir dann sagen, als Zen-Meister darfst Du dieses nicht und jenes nicht. Und ich sage dann, ich bin kein christlicher Mönch – die ich sehr respektiere, aber es gibt einen Unterschied. Ich glaube, ein wesentlicher Punkt ist diese offene Spiritualität, die Toleranz, die Menschen so sein zu lassen, wie sie sind und dieses Nicht-Missionarische darin, sondern Menschen einfach zu helfen und Möglichkeiten zu geben, ihren Weg zu gehen. Ich sehe mich selber nicht als Vertreter einer Weltreligion, sondern ich sehe mich als ein Vertreter des Zen.

Mit Zen Leadership die Welt retten?

hr-iNFO: Sie waren nach ihrem Studium von Philosophie und BWL zehn Jahre Unternehmensberater, haben die Welt der Führungskräfte damals kennengelernt.

Polenski: Der Hintergrund von Zen Leadership - ich sag das mal sehr witzig – ist, die Welt zu retten. Ich habe gespürt, dass wir die Zeit nicht mehr haben und dass meine Aufgabe darin liegen könnte, Verantwortungsträgern Mittel zu geben, diese Herausforderungen zu meistern. Das war die Ebene der Gründung. Es sind heute nicht nur Wirtschaftspersonen, es ist inzwischen Politik, es sind viele Künstler dazugekommen, sehr viele Schriftsteller, prominente Köche und so weiter. Menschen Fähigkeiten zu geben, auf ihre Art und Weise diese Herausforderung zu lösen, das ist letztlich für mich die Motivation bis heute für Zen Leadership.

hr-iNFO:  Gibt es denn heute überhaupt Spielräume, die systemimmanenten Kausalitäten zum Beispiel der Wirtschaft so zu gestalten, dass man die Welt noch retten kann?

Polenski:  Ja. Wenn die drei großen Herausforderung dieser Welt ein atomarer Krieg, das Thema Ökologie und Digitalisierung ist, dann erleben wir in den ersten beiden zumindest schon sehr viele Menschen, die da sehr gut was machen und wirkungsvoll agieren.

hr-iNFO:  Welche Aspekte von Zen sind Menschen, die in Führungsverantwortung stehen, besonders nah?

Polenski: Also dieser Aspekt von Lebenshilfe, da muss man Raum haben, man muss mit den Menschen reden, das ist sehr wichtig. Und an zweiter Stelle gibt es natürlich Zen-typische Aspekte, das ist einmal das Thema der Klarheit. Wenn ich Klarheit habe, das heißt auch Mut, Dinge zu sehen, die mir nicht gefallen - firmeninterne oder Menschen-interne blinde Flecken -, das ist eine sehr wichtige Sache, und aus dieser Klarheit die Kraft zu haben, Konsequenzen zu ziehen. Und an dritter Stelle, in Wirkungskraft zu gehen. Das ist typisch Zen.

hr-iNFO: Ich habe den Eindruck, dass sie mit diesem Leadership-Programm auch eine andere Dimension verbinden, die gar nicht so sehr mit Industriekapitänen zu tun hat, sondern auch mit der Führung seiner selbst.

Polenski: Das ist der wesentliche Punkt, ja. Wenn jemand sagt, ich bin Führungskraft und selber keine Orientierung hat, dann geht das nicht gut aus für ihn und für die anderen. Dieser Punkt der inneren Orientierung ist der Kernpunkt, um den es geht.

"Es gibt keinen Weg zum Glück"

hr-iNFO: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Hör auf zu denken, sei einfach glücklich". Ich habe gemerkt, dass ich inzwischen schon sehr allergisch reagiere auf solche Titel, die so ein bisschen vollmundige Glücksversprechungen beinhalten.

Zitat
„ Wichtiger als Glück ist tiefes in-sich-Erfülltsein, zu Hause sein. Wenn wir Menschen wirklich hier wären, wenn wir erfüllt hier wären, dann bräuchten wir nicht über andere Menschen, über andere Systeme stellvertretend irgendwelches Chaos zu erzeugen.“ Zitat von Hinnerk Polenski
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Polenski: Ich habe Bücher, die Verlage geben mir Titel. Damit muss ich leben, um es mal ehrlich zu sagen. Wichtiger als Glück ist tiefes in-sich-Erfülltsein, zu Hause sein. Wenn wir Menschen wirklich hier wären, wenn wir erfüllt hier wären, dann bräuchten wir nicht über andere Menschen, über andere Systeme stellvertretend irgendwelches Chaos zu erzeugen. Das Thema Glück heißt bei Buddha, es gibt keinen Weg zum Glück. Glück selbst ist der Weg und das bedeutet letztlich, dass das Sein die Quelle von allem ist.

Wenn wir jetzt hier so sitzen, dann kann man nachdenken, wir gucken uns an, wir denken, was sage ich als nächstes oder was ist die nächste Frage – oder wir lassen das Denken weg. Dann spüre ich vielleicht eine Emotion, ich kann aber auch noch tiefer gehen, dann spüre ich meinen Körper. Und wenn ich jetzt noch tiefer gehe, dann kommt irgendwann etwas, was interessant wird - und das ist die Stille. Und die Stille ist nichts weiter als ein Wort für Möglichkeiten. In dieser Stille spürt man etwas und durch die Praxis des Zen sagen Sie mir irgendwann: ‚Oh ich habe ja schon so lange geübt und ich habe die und die Erfahrung gemacht und dann sprechen wir über diese Erfahrung. Und dann beginnt Zen.

"Das Leben ist nicht einfach 'happy'"

hr-iNFO: Es gibt ja heute einen großen Glücksbedarf. Das sieht man unter anderem daran, dass Glücksbücher - wie sie auch eins geschrieben haben - in der Regel gut verkauft werden. Zugleich gibt es eine starke, depressive Stimmung. Wir lesen, Depressionen nehmen zu, es gibt Überforderungsgefühle, das Gefühl, immer unter Druck zu stehen. Leben wir in einer falschen Gesellschaft?

Polenski: Ja. Zum Depressiven: Ich kann verstehen, dass Menschen depressiv werden. Wir leben auf einem Planeten, der uns vielleicht demnächst um die Ohren fliegt. Wenn man ein bisschen Intelligenz hat, kriegt man mit: Es läuft was falsch. Wenn dann Leute mit Glücksbüchern winken und sagen "be happy", dann merke ich, ist was ganz falsch. Das Leben ist nicht einfach "happy", sondern das Leben ist Herausforderung. Und wir sind hier um zu erkennen, wer wir sind und wie wir Herausforderungen meistern und wir sind jetzt hier auch als Menschheit und als Gesellschaft, um das zu tun. Und das Erste und Wichtigste ist erst mal zu erkennen, was ist die Wirklichkeit, was ist Klarheit?

Wenn wir auf der einen Seite in eine Virtualität, Digitalisierung, Cloud, in Glücksfeldern verschwinden, bleiben wir mit unserem Körper hier und haben trotzdem ein Knie, was wehtut und trotzdem vielleicht einen Job, der uns nicht gefällt und trotzdem haben wir ein komisches Gefühl für die politische Entwicklung der nächsten Jahre. Aber das ist ja eine Wirklichkeit und wenn wir diese Wirklichkeit ausblenden, dann kann es sogar dazu führen, wenn ich zu sehr in so Glücksfelder hineingehe, dass ich meine Depression nur verstärke, weil diese Illusion versus Wirklichkeit immer größer wird. Zen ist, sich der Wirklichkeit zu stellen und festzustellen, wenn ich in dieser Wirklichkeit bin und diese Wirklichkeit in ihrer Klarheit erlebe, dass dann ein Glück entstehen kann. Das ist aber das Leben, die Essenz von Leben selber. Und dann kann man vielleicht in solche Erfahrungen kommen.

"In der Virtualität gibt es kein Herz zu Herz"

hr-iNFO: Sie üben ja, wenn Sie Kurse geben, auch einen Ausweg aus der Zerstreuung, indem sie sich eben aufs Trockene setzen. Sie gucken wahrscheinlich kein Fernsehen, wenn sie Kurse machen. Sind wir insgesamt in so einem Zerstreuungs-Modus, wo man dann gar nicht weiterkommen kann?

Zitat
„Ich glaube, wenn die katholische Kirche sich ihrer spirituellen Wurzeln bewusst werden würde und das in den Vordergrund bringen würde, dann würde es dort eine Renaissance geben.“ Zitat von Hinnerk Polenski
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Polenski: Ja, das ist eine große Gefahr, zumal dieser Zerstreuungs-Modus, der früher in einer harmlosen Ebene war – Fernsehen und dann kommen die Mainzelmännchen im ZDF und dann guckt man den Tatort und dann ist der auch zu Ende und dann guckt man sich um und fragt: Was machen wir jetzt? – ist es heute eben eine Allgegenwärtigkeit dieses ausgelagerten Vorstellungssystems in die Digitalisierung, die natürlich Unternehmen, große Konzerne nutzen, um uns Menschen einzufangen. Und der Preis dieses Einfangens ist ein Sich-Verlieren. Und ich sehe in der Digitalisierung da eine sehr große Herausforderung beziehungsweise auch eine große Gefahr, dass diese Zerstreuung viel, viel mehr wird als wir sie jetzt schon haben - und damit auch Depression zunehmen wird. Denn Illusion ist niemals ein Ausweg aus unseren Herausforderungen.

hr-iNFO: Heute ist es ja so, dass Menschen in dieser Situation auch ohne den Trost oder die Stütze einer Religion leben. Erleben Sie das auch, dass solche Dinge wegbrechen? Sie sind im Allgäu in einem traditionell katholischen Land, wie steht es denn so um die geistig-spirituelle Kraft in unserer Gesellschaft, was erleben Sie da?

Polenski: Ich glaube, wenn die katholische Kirche sich ihrer spirituellen Wurzeln bewusst werden würde und das in den Vordergrund bringen würde, dann würde es dort eine Renaissance geben. Aber heutzutage ist es so: Früher haben Organisationen die Menschen organisiert, heute organisieren die sich selber und es gibt Firmen - Digitalisierung nochmal das Stichwort -, die das wiederum organisieren, Plattformen. So ist es scheinbar erstmal so, dass wir individuell sind und das Alte wird sehr große Schwierigkeiten haben, da nochmal eine Renaissance zu finden. Es werden ganz neue Formen kommen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Die Digitalisierung letztlich bedeutet, dass wir in unseren Wünschen und Vorstellungen immer mehr uns auch digitalisieren und den Menschen um uns herum verlieren, dass wir statt mit einem Menschen zu reden, statt in der Natur zu sein, statt von Herz zu Herz zu empfinden, in einer Virtualität sind, und da gibt es kein Herz zu Herz. Das ist eine Illusion.

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Das Gespräch führte Klaus Hofmeister, hr-iNFO-Kirchenredaktion.

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Sendung: hr-iNFO, Himmel und Erde, 01.01.2019, 6:35 Uhr

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