Bundeswehr-Soldaten von hinten

Dierk Koch wurde unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen, weil er homosexuell ist. Das ist über 50 Jahre her, doch als "Sicherheitsrisiko" galten Homosexuelle noch bis ins Jahr 2000. Eine neue Studie legt jetzt offen, wie die Bundeswehr in der Vergangenheit mit dem Thema umgegangen ist.

"Die Haltung der Bundeswehr zur Homosexualität war falsch", sagte Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer. "Sie war damals schon falsch und hinkte der Gesellschaft hinterher." Beschämend und unerhört sei es, so die Ministerin, dass die Truppe seit ihrer Gründung über Jahrzehnte hinweg Homosexuelle systematisch diskriminiert habe. So wie Dierk Koch. Unehrenhaft entlassen. 1964.

Kramp-Karrenbauer will Betroffene rehabilitieren

"Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie mir da zumute war?", fragt er. "An diesem Freitag um zwölf Uhr mittags war ich obdachlos, mittellos und degradiert von der Bundeswehr." Erst im Jahr 2000 beendete der damalige Verteidigungsminister Scharping die Praxis – und auch das nur auf Druck von außen, so Kramp-Karrenbauer, wegen einer Verfassungsbeschwerde nämlich. Die strafrechtliche Verfolgung Homosexueller sei da schon 30 Jahre Vergangenheit gewesen. 

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Studie: Tabu und Toleranz

Die Studie "Tabu und Toleranz" des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr untersucht, wie die Bundeswehr in der Vergangenheit mit Homosexualität umgegangen ist. [mehr]

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"Ich bedaure diese Praxis sehr", sagt Kramp-Karrenbauer. "Und bei denen, die darunter zu leiden hatten, bitte ich um Entschuldigung." Die Verteidigungsministerin stellte eine über 360 Seiten starke Studie vor. Das Ergebnis: Für die Bundeswehr sei Homosexualität ein schwerer Makel gewesen, ein Sicherheitsrisiko. "Ich kann mir kaum vorstellen, was für eine kontinuierliche Anspannung, was für eine Angst, aber auch Demütigung das war." Die Ministerin will Betroffene nun rehabilitieren. Zudem plant sie eine - wenn auch eher symbolische - Entschädigungszahlung.

"Bundeswehr heute ist eine andere"

All das sei aus Sicht der Grünen gut und richtig, so deren Sprecher für Queerpolitik Sven Lehmann, komme aber spät. Viele der ehemaligen Soldaten seien bereits in einem sehr hohen Alter. Wenn sie jetzt noch etwas "haben sollen von Entschädigung und auch möglicherweise Renten, dann muss es jetzt ein schnelles und unbürokratisches Verfahren für dieses Gesetz geben", so Lehmann. Dieses Gesetz werde in Kürze in die Ressortabstimmung gehen, kündigte Kramp-Karrenbauer an.

Die Bundeswehr von heute sei eine andere, auch wenn es immer noch Diskriminierung gebe. Sven Bäring stimmt dem zu. Er erzählt von einem exzellenten Beschwerdesystem. Und dennoch bekam er, der erst Jahrzehnte nach Dierk Koch zur Bundeswehr ging, Folgendes zu hören: "Du wurdest mir angekündigt. Mit dem Hinweis: Ich habe zwei schlechte Nachrichten für dich. Du bekommst einen Stubennachbarn und schwul ist der auch noch."

"Meine Mutter hatte Angst um mich"

Er sei 2013 zur Bundeswehr gekommen, so Bäring, und habe niemandem von seiner Homosexualität erzählt. "Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie meine Mutter zu mir sagte, ich darf niemandem in der Bundeswehr davon erzählen. Sie hatte Angst um mich."

Heute ist Bäring Vorsitzender des Vereins QueerBw für Homosexuelle in der Bundeswehr. Wenn er Berichte von Zeitzeugen wie Marinesoldat Dierk Koch höre, dann jage ihm das einen Schauer über den Rücken, sagt er. Immerhin hat der damals einen verständnisvollen Vater erlebt, als er – unehrenhaft entlassen – plötzlich zu Hause vor der Tür stand.  

Er habe ihn ganz milde angeguckt, ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf gegeben und gesagt: 'Dann müssen wir mal sehen, dass wir für dich morgen einen Job finden. Und übrigens, der Mutti müssen wir nichts davon sagen.' "In diesem Moment habe ich meinen Vater unendlich geliebt", sagt Koch.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 18.9.2020, 6 bis 9 Uhr

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