Andrea Schafarczyk

Immer häufiger sind Medienschaffende dem Vorwurf der einseitigen Berichterstattung ausgesetzt. Uns ist es wichtig, sich dieser Kritik zu stellen, sofern sie konstruktiv und sachlich ist - und transparent zu machen, wie unser Programm entsteht. hr-Chefredakteurin Andrea Schafarczyk gibt im Interview einen Einblick in die Redaktion.

Wer entscheidet darüber, welche Inhalte wie ins Programm von hr-iNFO kommen? 

Schafarczyk: hr-iNFO entsteht im Team. Zweimal am Tag besprechen die Kolleginnen und Kollegen in größerer Runde, was den Weg ins Programm findet. Dazu gibt es jede Menge kleinere Brainstormings und Absprachen. Einige Inhalte hat die Redaktion längerfristig eingeplant – etwa programmliche Highlights, die Vorbereitung brauchen. Andere kommen kurzfristig aufgrund der aktuellen Themenlage ins Programm. Darüber berät das Team. Wir glauben, dass mehrere Köpfe schlauer sind als der einzelne. Wenn die sich nicht einigen können, entscheidet der oder die Chef*in vom Dienst.  

Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der Inhalte und ihre Umsetzung? 

Schafarczyk: Die Menschen haben wenig Zeit. Wenn sie uns hören, sollen sie das Gefühl bekommen, dass sich das lohnt. Wir stellen uns ständig die Fragen: Welches Info-Bedürfnis haben die Hessinnen und Hessen jetzt? Was wollen sie wissen, was hilft ihnen weiter? Und auch: Wie setzen wir das Thema so um, damit es Orientierung bietet, eine neue Perspektive oder einen anderen Mehrwert, der sie aufhorchen lässt? So können wir zu dem Schluss kommen, dass wir zu den neuen Corona-Regeln lieber einen Ladenbesitzer aus der Region hören wollen als einen Politiker aus Berlin.  

Vielfalt inspiriert

Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl Ihrer Gesprächspartner? 

Schafarczyk: Die erste Frage ist: Welches Ziel hat das Interview? Soll es Hintergrund und Einordnung bieten oder eine Meinung abfragen? Hintergrundinterviews sind gut, wenn etwas erklärungsbedürftig ist, Meinungsinterviews spannend bei Debatten über umstrittene Sachverhalte. Danach richtet sich unter anderem die Auswahl der Gesprächspartnerin oder des Gesprächspartners: eine Virologin, die gut und verständlich die Wirkung eines Impfstoffes erklärt? Gerne! Ein Politiker, der fordert, die Corona-Beschränkungen sofort zu lockern? Er soll uns das Warum erklären! Verschiedene Positionen helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Vielfalt inspiriert. Deshalb reden wir viel darüber, wie wir das Versprechen des hr einlösen können: "Wir verbinden Hessen in seiner Vielfalt."

Gibt es Menschen, mit denen Sie im Programm nicht sprechen? Wenn ja, aus welchem Grund?

Schafarczyk: Meinungsvielfalt ist uns sehr wichtig. Und zwar mit Blick auf das Gesamtprogramm, nicht unbedingt auf den einzelnen Beitrag. hr-iNFO soll ein Ort sein, an dem die Sichtweisen und Meinungen einer fragmentierten und zum Teil polarisierten Gesellschaft debattiert werden. Menschen unterschiedlicher politischer Einstellungen sollen sich in unserem Programm wiederfinden können. Dabei sollten wir den Dialog noch verstärken. Unsere Grenzen sind erreicht bei Menschen, die nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Sie dürfen in unserem Programm keinen Resonanzraum finden. Das gilt auch für jene, die erkennbar falsche oder irreführende Nachrichten in die Welt setzen. So etwas darf in hr-iNFO keinen Platz haben.  

Grenzen liegen bei Recht und Gesetz

Wie stellen Sie sicher, dass das Programm ausgewogen ist und ein möglichst breites Meinungsspektrum abgebildet wird?  

Schafarczyk: Indem wir bestimmte Formate bewusst fördern. Wir senden zum Beispiel nicht nur den klassischen Kommentar, sondern auch ein "Pro und Contra", in dem zwei Autor*innen ihre konträren Meinungen begründen. Noch relativ neu haben wir die Sendung "Echt jetzt? Überzeug mich in 18 Minuten!" im Programm. Darin versucht ein Gast, mit seinen stärksten Argumenten zu zünden. Ein faires Ringen um das bessere Argument, verschiedene Blickwinkel auf die Welt, in der wir leben – das ist mir und uns wichtig. Wie wir das bieten können, besprechen wir in den verschiedenen Konferenzen. 

Wer entscheidet über die Inhalte von Kommentaren? Können Sie hier eine Ausgewogenheit der abgebildeten Meinungen gewährleisten? 

Schafarczyk: Über den Inhalt ihres Kommentars entscheidet zunächst die Autorin oder der Autor selbst. Ein Kommentar ist eine persönliche Meinungsäußerung. Die darf für sich stehen, solange sie nicht willentlich Tatsachen verdreht oder unfair argumentiert. Was das Meinungsspektrum angeht: Es sollte möglichst breit sein. Über die Grenzen haben wir schon gesprochen: Sie liegen bei Recht und Gesetz. Auch aufgrund der Algorithmen sozialer Netzwerke bewegen sich viele Menschen nur noch in ihrer Meinungsblase. Es ist gut, wenn sie bei uns auch mal was anderes hören. Es ist allerdings sehr schwer, für die verschiedenen Sichtweisen immer jemanden zu finden. 

Redaktionsausschuss schaut auf interne Rundfunkfreiheit

Wie steht es um die innere Pressefreiheit im hr? Inwieweit können Journalistinnen und Journalisten die Inhalte selbst bestimmen und ausrichten? Und welchen Einfluss hat etwa der Rundfunkrat auf Programminhalte?  

Schafarczyk: Unsere Journalistinnen und Journalisten in den Redaktionen und draußen bei der Berichterstattung haben eine große Autonomie bei ihrer Arbeit. Wer sich darin eingeschränkt sieht, kann sich beim sogenannten "Redaktionsausschuss" im hr melden. Das ist ein Gremium aus Kolleginnen und Kollegen, das sich um die innere Rundfunkfreiheit kümmert. Der Rundfunkrat setzt sich aus den gesellschaftlich relevanten Gruppen und Organisationen zusammen und ist unser wichtigstes Kontrollorgan. Er schaut unter anderem darauf, dass wir die Programmgrundsätze einhalten, die im hr-Gesetz geregelt sind. Ja, manche unserer Inhalte sorgen für Diskussionen - für große Zustimmung und gelegentlich auch für Ablehnung. Das ist gut so. Denn das ist zum Beispiel ein Zeichen dafür, dass wir den Finger in eine Wunde gelegt haben. Wenn sich der Rundfunkrat mit unserer Berichterstattung beschäftigt, dann prüfen wir gemeinsam mit der Redaktion und anderen Stellen im Haus, ob die Kritik gerechtfertigt ist und was wir daraus lernen können. Das macht uns besser. 

Das Interview führte Christina Sianides.

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