Eine Freiwillige packt Lebensmittel für Bedürftige in eine Kiste

Erst kam Corona, dann der Hunger. In den USA haben laut "Feeding America" rund 50 Millionen Menschen nicht genug zu essen. 15 Millionen mehr als vor der Corona-Krise.

Eine vollgepackte Plastik-Tüte bringt José Fuente zum Lächeln. Er habe glücklicherweise Gemüse und andere Lebensmittel von Martha‘s Table bekommen und sei sehr dankbar. Die gemeinnützige Organisation teilt seit 40 Jahren in Washington D.C. Essen an Bedürftige aus, doch noch nie waren so viele auf diese Hilfe angewiesen. Menschen wie José, 50 Jahre alt, ein schmal gebauter Latino. Er hat als Übersetzer gearbeitet und als Gärtner - dann kam die Pandemie.

Der Hunger erreicht die Mittelklasse

Die Corona-Krise habe ihn hart getroffen, erzählt er. Er wurde arbeitslos und komme so oft es geht hierher. Wie José Fuente waren vier von zehn Amerikanerinnen und Amerikanern in diesem Jahr zum ersten Mal bei einer Tafel. Das hat die landesweite Organisation "Feeding America" ausgerechnet. Sie schätzt, dass 50 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten 2020 nicht genug zu essen hatten. Vor der Pandemie waren es 35 Millionen. Und: Der Hunger hat die Mittelklasse erreicht.

Viele Leute seien aus dem Wohnhaus nebenan - die runterkommen und sich Essen holen, erzählt Antoine, einer der Helfer. Es seien keine Obdachlosen, sondern einfach Menschen in Not. Mit Rucksäcken und Einkaufs-Trolleys warten Frauen und Männer, die meisten Hispanics, fröstelnd in der Schlange bis sie dran sind. Unter einem weißen Zelt in der Einfahrt steht ein Tisch mit Bananen, Konserven, Bagel-Tüten. Zweimal Kaffee, aber der ist schnell weg.

Schwarze und Latinos am schwersten getroffen

Auch Paulina bekommt nicht mehr, was sie wollte. Müsli sei schon aus, sagt die Anfang-20-Jährige Helferin Tolu unter ihrer gelben Mütze. Dafür gibt es Cracker. Die 67-jährige Latina greift zu. Sie hatte in zwei Häusern geputzt. Damit kam sie gerade so über die Runden.

Sie brauche nicht mehr zu kommen, sagte man ihr. Es sei schwer, weil sie ihre Miete und Rechnungen bezahlen müsse. Viele US-Amerikaner leben von einer Gehaltszahlung zur nächsten. Ohne Rücklagen erwischte sie erst die Corona- und dann die Hungerkrise. Sowohl gesundheitlich, als auch wirtschaftlich hat es Schwarze und Latino-Familien am schwersten getroffen. In den Schulen konnten ihre Kinder ein günstiges Frühstück oder sogar ein kostenloses Mittagessen bekommen. Dann machten die Schulen dicht und zuhause gab es zu wenig zu essen.

Auch 2021 werden Menschen hungern

Der Staat unterstützte im Frühjahr einmalig mit 1.200 Dollar. Gerade hat der US-Kongress ein zweites Hilfspaket beschlossen. Präsident Donald Trump will das Paket allerdings nicht unterzeichnen. Bis Geld fließt, brauchen Millionen Menschen vor Weihnachten noch Lebensmittelspenden. Wie hier von Supermärkten, Restaurants oder Privatleuten.

Es kommt Nachschub. Die zierliche Conny Zander ist mit dem Auto vorgefahren und gibt Käse- und Erdnuss-Buttersandwiches ab. Für 100 Personen. Man müsse als Gemeinschaft zusammenhalten, einander in der Not beistehen. Sie sei in der Position, helfen zu können, also tut sie es.

Die Hungerkrise in den Vereinigten Staaten wird sich bis ins nächste Jahr ziehen. Die Tafel-Organisation "Feeding America" warnt, dass in den kommenden Monaten acht Milliarden Mahlzeiten fehlen werden. José mit seiner Lebensmittel-Tüte schaut optimistisch in die Zukunft und zweifelt nicht an Amerikas Comeback. Das Land sei schließlich stark.

Sendung: hr-iNFO, 23.12.2020, 9-12 Uhr

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