Corona-Testzentrum

Existenzielle Krisen bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen ans Licht, heißt es. In den Corona-Testzentren zeigt sich offenbar vor allem Letzteres. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen beklagt, dass sich immer mehr Anrufer und Besucher aggressiv verhalten - und fordert mehr Respekt.

Eine alltägliche Situation an der Hotline für die Corona-Testzentren: Eine Frau ruft an, weil ihr Mann, der gerade frisch am Herzen operiert ist, auf einer Familienfeier war. Danach wurde ein Gast positiv auf das Coronavirus getestet. Hotline-Mitarbeiterin Marina Lau muss nun erklären, dass für den Mann trotzdem kein Test vorgesehen ist. Die Reaktion in solchen Fällen: "Daraufhin fangen sie einfach nur an zu beleidigen, rumzuschreien. Ein Standardsatz, den wir ganz oft hören, ist: 'Sie können ja nichts dafür, aber ...' - und dann kommt eine ewig lange Liste an Aufzählungen, was halt alles sooo schlecht läuft in diesem Land", erzählt Lau.

Beleidigungen, Drohungen, Handgreiflichkeiten

Ähnliche Fälle erlebt auch Kollegin Lisa Richter. Ein Mann ruft an, weil seine Arbeitskollegin Kontakt zu einem Positiv-Getesteten hatte. Der nächste Schritt wäre nun, dass er auf das Testergebnis der Kollegin warten muss. Aber: "Er hat es nicht verstanden, dass man ihn jetzt noch nicht testen kann, weil er war symptomfrei, er war zweite Kontaktperson, und dann hab ich ihm das erklärt", sagt Richter. "Daraufhin ist er vollkommen ausgerastet und hat geschrien und hat gesagt, gut, er wird jetzt überall hingehen, die Leute anhusten und das Virus verbreiten."

Und das sind nicht mal die schlimmsten Fälle, die die Kassenärztliche Vereinigung (KV) verzeichnet. Es seien auch schon Drohungen gefallen wie 'Ich finde raus, wo du wohnst' oder 'Du wirst deinen Job verlieren', erzählt Karl Roth von der KV Hessen, der auch von Handgreiflichkeiten in Testzentren weiß. "Die haben sich dann nicht vom Gelände weisen lassen. Die Polizei musste eingreifen, Sicherheitsdienste mussten eingreifen", erzählt Roth. Es habe auch schon Situationen gegeben, in denen Dinge durch die Luft geflogen seien. "Es ist schon sehr aggressiv, wie es zugeht, und das ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon sehr belastend."

Mehrheit erfüllt Bedingungen für einen Test nicht

Allein letzte Woche haben 28.000 Menschen die Hotline in Hessen angerufen. Und das ist nicht mal die Höchstzahl. Rund 200 Anrufer nimmt jede*r Mitarbeiter*in am Tag entgegen. Die große Mehrheit der Anrufenden erfüllt die Bedingungen nicht, die für einen Test notwendig sind. "Die fangen dann an zu erklären, was sie für eine Position im Job haben", sagt Roth. "Das haben wir ganz oft. Da hören wir dann, 'ja, wissen sie, ich bin Manager' oder 'ich leite eine Firma'." Das könne man ja auch alles verstehen. Oft höre man auch, dass der Chef wolle, dass sich die Mitarbeiter testen lassen.

Dabei gilt: Wer keine akuten Symptome hat, wer nur Kontaktperson einer Kontaktperson ist oder einfach nur mal wissen will, ob er das Coronavirus haben könnte, der muss sich auf eigene Rechnung testen lassen. Die Mitarbeiter*innen der Hotline wünschen sich deshalb, dass jeder Mensche, der dort anruft, "die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss", sagt Lau. Die Menschen sollten das nicht auf sie abwälzen "und sich vor allem informieren, und zwar bevor man hier anruft".

"Sich fragen, ob man selbst so behandelt werden möchte"

Ein weiteres Problem: Die Hotline-Nummer ist oft die einzige Telefonnummer, die immer erreichbar ist. Die Gesundheitsämter haben längst auf Anrufbeantworter umgestellt. Dazu wird in den sozialen Medien hemmungslos über die Testzentren geschimpft. Roth von der KV Hessen appelliert deshalb an die Vernunft: "Eine ohnehin schon stressige Situation wie eine Pandemie noch dadurch zu verschärfen, indem man diejenigen, die einem helfen wollen, aggressiv angeht, das geht nicht." Deshalb appelliere man an alle, "ruhig zu bleiben, auch wenn das manchmal schwer ist. Und sich zu fragen, ob man selber so behandelt werden möchte, wie das den Kolleginnen und Kollegen am Telefon und auch in den Testzentren oft ergeht."

Weitere Informationen

Corona-Testzentren

Corona-Testzentren wurden im März in ganz Hessen eingerichtet, derzeit gibt es 15 davon. Getestet werden sollen dort laut Kassenärztlicher Vereinigung vorrangig Personen mit Symptomen und deren Kontaktpersonen sowie Menschen, die von den Gesundheitsämtern geschickt werden. Auch Verdachtsfälle durch die Corona-App werden dort überprüft.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 25.11.2020, 6 bis 9 Uhr

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