Muslime haben sich unter freiem Himmel zu einem kostenlosen öffentlichen Abendmahl (Iftar) während des muslimischen Fastenmonats Ramadan im Stadtteil Kadhimiya (Badgad) versammelt

Unser Nahost-Korrespondent lebt in einer Region, aus der 2015 viele Menschen nach Deutschland flüchteten. Bei ihm selbst, so stellte er damals fest, gab es jedoch von Integration keine Spur. Also versuchte er es: tauschte Vollkornbrot gegen Weizenfladen, feierte Ramadan und Weihnachten. Einige Dinge fallen ihm jedoch bis heute schwer.

Sechs Jahre sind vergangen, und wir alle haben wohl noch die Bilder im Kopf: ankommende Züge, oft verhärmte, aber hoffnungsvolle Menschen, ehrenamtliche Helfer. Im Jahr 2015 flohen mehr als eine Million Menschen nach Deutschland - vor Krieg und Verfolgung in ihrer Heimat. Vor allem kamen Syrerinnen und Syrer. Und mit ihnen die Debatte um die Integration der Ausländer.

Integration im Nahen Osten

Damals war ich selbst seit zehn Jahren Ausländer. Und zwar in der Region, aus der viele der 2015 Geflüchteten gekommen sind: Ich war Ausländer im Nahen Osten. Aber von Integration keine Spur: Die Sprache meines Gastlandes – Arabisch – sprach ich kaum, mein Sohn musste für mich bei den Behörden übersetzen. Ich benutzte beim Autofahren den Blinker und achtete auch sonst auf andere Verkehrsteilnehmer. Ich feierte Weihnachten. Ich bestach keine Polizisten. Und ich aß auf meinem importierten Vollkornbrot gerne Schokocreme. Kurz: Ich verhielt mich so, wie sich die meisten Deutschen, die im Nahen Osten wohnen, verhalten: deutsch.

Nur eines fand ich gut: Es gab keine Niederlassung jener blau-gelben, skandinavischen Möbelkette, die deutsche Frauen glücklich macht, aber deutsche Männer in den Wahnsinn treibt. Verzeihen sie diese politisch völlig unkorrekte Zuweisung angeblich geschlechtertypischen Verhaltens. Dass ich so rede, basiert auf Erfahrung und – das möchte ich betonen – hat herzlich wenig damit zu tun, dass ich im Nahen Osten mittlerweile halbwegs integriert bin. Denn ich entschied, als die Debatte um die Integration der Ausländer in Deutschland entbrannte, mich hier zu integrieren. Oder zumindest: es zu versuchen. Mein Gedanke: Wenn wir Integration von Ausländern in Deutschland fordern, müssen wir uns dann nicht auch integrieren, wenn wir Deutsche Ausländer sind? Ein Selbstversuch.

Weihnachten und Ramadan

Seither lerne ich Arabisch, habe Schokocreme und Vollkornbrot ersetzt durch Weizenfladen und Kichererbsenpüree. Weihnachten feiere ich immer noch – übrigens ganz wie so viele andere Nahöstler auch. Aber Ramadan mache ich auch mit: Einen Monat lang faste ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Und seitdem verstehe ich den Geist dahinter: Der Ramadan stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Schön!

Zwei Dinge fallen mir allerdings nach wie vor schwer: Verkehrsregeln zu ignorieren. Das bereitet mir bis heute oft Kopfschmerzen. Und Polizisten "Geschenke" zu machen, finde ich schwierig. Vor meinen Kindern jedenfalls sage ich immer, wenn mich mal wieder ein Schutzmann im Halteverbot ertappt und ich ihm etwas zustecke: "Das dürft Ihr in Deutschland nie machen!" – "Warum nicht, Papa?" – "Weil das in Deutschland als Bestechung gilt."

Ergebnis des Selbstversuchs: Im Großen und Ganzen ist Integration recht einfach und erleichtert das Leben. Integration, ich komme schon – aber bitte nicht grenzenlos.

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