Eine Frau vor dem Bahnhof Neu-Delhi

Die "Vergewaltigungs-Hauptstadt" und eine der "gefährlichsten Städte der Welt" für Frauen: An Neu-Delhi klebt der Ruf, dass Frauen auf Schritt und Tritt gefährdet sind. Indiens Hauptstadt versucht, gegen das schlechte Image anzukämpfen.

"Frauenfreundlich" – das scheint das Wort der Stunde: Auf Taxis, Tuktuks, in Bars und Cafés, sogar Alkoholläden werben damit in Neu-Delhi. Das mag auf der einen Seite ein lukratives Geschäft sein, auf der anderen lockt es vielleicht tatsächlich mehr Frauen auf die Straßen, die in Indiens Hauptstadt noch sehr männlich geprägt sind. Verkäufer an Essensständen: Männer. Ladenbesitzer: Männer. Und Wachmänner, die vor sämtlichen Häuserblocks positioniert sind. Dazu hängen überall Jungs in großen Gruppen an den Straßenecken herum.

Junge Start-ups wollen etwas verändern

In vielen traditionellen Köpfen ist noch die Idee verfangen, dass Frauen in der Öffentlichkeit alleine nichts zu suchen hätten. Diese Anschauung aber wollen junge Start-Ups in Neu-Delhi ändern.

Seit fast zwei Jahren fährt Sunhara Rajput auf ihrem schwarzen Roller durch den Osten der Stadt. Ziemlich lässig schlängelt sie sich mit dem dicken Rucksack auf dem Rücken durch den dichten Verkehr. Sie macht Botendienste für Even Cargo, das ist ein Start-Up, das nur junge Frauen einstellt. Für einen Job, den vorher zu 100 Prozent Männer gemacht haben. "Ich bin super stolz, dass ich Kurierfahrerin bin. Mittlerweile kennen mich ganz viele Leute hier im Kiez. Sogar mit der Atemschutzmaske erkennen sie mich noch", erzählt Rajput.

Sunhara Rajput

Rajput kümmert sich um die Familie

Sie ist gerade die einzige in ihrer Familie, die Geld verdient. Ihre Mutter ist schwer krank, ihr Vater hat seinen Job verloren. Päckchen ausliefern ist für sie gerade in Corona-Zeiten ein krisensicherer Job.

"Ich liebe meinen Job", sagt Rajput. "Ich verdiene genug, um die Medikamente für meine Mutter zu bezahlen. Ich bin super flexibel, morgens liefere ich rund 40 Pakete aus, dann habe ich bis mittags Zeit und schmeiße den Haushalt. Ich finde meinen Job echt super cool."

Selbst ist die Frau

Rund 170 Euro verdient sie im Monat, unabhängig davon, wie viele Päckchen sie ausliefert. Das ist weit mehr als der nationale Mindestlohn, der bei rund 50 Euro im Monat liegt.

Rajput hat die Schule bis zur zehnten Klasse besucht, hat keine Ausbildung. Normalerweise wäre sie mit ihren 23 Jahren jetzt schon verheiratet. Weil sie aber die einzige ist, die in ihrer Familie derzeit einen Job hat, lebt sie verhältnismäßig unabhängig, erzählt sie. "Für meine Verwandten ist das okay, sie sind ehrlich gesagt auch stolz, dass ich das so schaffe. Heiraten hat für mich gerade keine Priorität, ich kümmere mich um meine Eltern und deshalb arbeite ich. Und selbst wenn ich eine Ehe eingehe, will ich unabhängig bleiben. Ich will nicht zu Hause sitzen und putzen und essen. Ich will mein eigenes Geld verdienen."

Alle fünf Stunden eine Vergewaltigung

Bislang habe sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, erzählt Rajput. Keine Männer, die blöd gucken oder sie angemacht hätten. Die Leute fänden es vielmehr "super", dass sie ihre Sachen von einer jungen Frau geliefert bekommen. Das sind aber nicht die Aussagen, die Schlagzeilen machen in Indien.

Laut Statistik vergewaltigen Männer alle fünf Stunden eine Frau alleine in der Hauptstadt Neu-Delhi. Seit Jahren steigen die Zahlen an, was aber auch daran liegen kann, dass sich mehr Frauen als früher trauen, die Tat auch anzuzeigen. Gerade haben tausende Frauen einen Brief unterschrieben, weil ein Richter einem Vergewaltiger vorgeschlagen hatte, sein Opfer einfach zu heiraten. Schlimm genug, dass es noch solche Richter in Indien gibt, aber die Stimmen der Frauen werden nun auch lauter, dass solche Männer in hohen Positionen abtreten müssen.

Die Kapitänin Tulsi Kumar

"Women with wheels", also Frauen mit Rädern, steht in großen Buchstaben auf einem Taxi im Süden der Stadt. Hinter dem Steuer, in türkis-pinker Uniform, sitzt Tulsi Kumar. Einen Plastikausweis trägt sie um die Brust, darauf steht: "Team Kapitänin – Taxis von Frauen für Frauen". Vor wenigen Jahren hatte sie noch nie in einem Auto gesessen, heute sei sie dafür verantwortlich, sogar Menschen in hohen Positionen durch den dichten Verkehr von Neu-Delhi zu bringen.

"Viele Leute strahlen, wenn sie sehen, dass ich das Taxi fahre, einige klatschen sogar oder bewundern mich. Sie sagen, sie seien stolz, von einer Frau gefahren zu werden. Bei mir zu Hause kann niemand außer mir Auto fahren und mein Sohn ist mächtig stolz, dass ich das kann", erzählt Kumar.

Tulsi Kumar

Pause lieber ohne die Kollegen machen

Sechs Monate lang hat sie trainiert, bevor sie ihre Arbeit antreten durfte: Führerschein, Umgang mit Kunden und Kundinnen, Erste Hilfe, Selbstverteidigung. Zum Glück habe sie die noch nicht anwenden müssen, erzählt sie. Dabei fährt sie sogar manchmal Nachtschichten.

Bei Wartepausen würde sie sich allerdings von ihren männlichen Kollegen fernhalten. "Die kommen dennoch manchmal auf mich zu und sagen, dieser Job sei nichts für Frauen, warum ich das machen würde und so weiter. Aber ich habe gelernt zu sagen: Das geht euch nichts an, kümmert euch um euren Job."

Weniger Fälle, aber immer noch viel zu viele

Seit mehr als einem Jahr dürfen Frauen in Neu-Delhi umsonst in den Bussen fahren. Zusätzlich gibt es seitdem auf vielen Buslinien Ordnungshüter, die die Männer zurechtweisen, Platz für Frauen zu machen, und auch darauf achten, dass Frauen nicht angemacht werden während der Fahrt.

Die Polizei in Neu-Delhi hat nun mehr Polizistinnen ausgebildet, die vor Schulen, auf Märkten und anderen Orten Wache schieben, um die Sicherheit von Frauen zu gewährleisten. "Sollte es eine Anzeige wegen Vergewaltigung geben, werden wir alles daransetzen, dass eine Polizistin diesen Fall betreut", sagt der Polizeipräsident der Stadt. "Außerdem sollen nun innerhalb von mindestens 60 Tagen nach der Anzeige die Fälle beim Gericht landen. Also es hat sich schon einiges zum Besseren verändert hier in unserer Stadt."

Im letzten Jahr allerdings war laut offizieller Statistik Neu-Delhi noch immer die Stadt in Indien, in der die meisten Verbrechen gegen Frauen begangen wurden. Immerhin waren es deutlich weniger Fälle auf den Straßen der Stadt. In 98 Prozent der Fälle haben die Opfer den Täter gekannt.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 8.3.2021, 12-15 Uhr

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