Norbert Nedopil als Gutachter am Landgericht Bayreuth
Norbert Nedopil als Gutachter am Landgericht Bayreuth Bild © picture-alliance/dpa

Er ist Deutschlands bekanntester Gerichtspsychiater. Zahlreiche Verbrecher haben ihm Einblick in ihre Seele gewährt. Und er ist überzeugt: Jeder Mensch hat seinen Abgrund.

hr-iNFO: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Jeder Mensch hat seinen Abgrund“. Soll das heißen, jeder kann zum Mörder werden?

Nedopil: Im Prinzip ja. Ich würde nicht sagen Mörder, weil das ein juristischer Begriff ist – also dass man etwas aus Heimtücke oder Habgier machen kann. Aber jeder ist in der Lage, einen anderen Menschen zu töten, wenn es denn um dramatische Ereignisse geht.

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Himmel und Erde

Das Gespräch war zu hören in der Sendung "Himmel und Erde", in der wir uns mit den Themen Schuld und Vergebung beschäftigt haben. Hier können Sie die ganze Sendung als Podcast nachhören.

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Stellen Sie sich vor, eine Mutter sieht ihr eigenes Kind mit dem Leben bedroht und wehrt sich, attackiert den Angreifer und tötet ihn dabei. Das würde, glaube ich, jede Mutter verstehen, dass das passieren kann und sie wäre in der Lage dazu, wenn sie jemanden verteidigen muss.

"Es gibt Nicht-Verführbare"

hr-iNFO: Das wäre ja noch ein ehrenwertes Motiv – also die Verteidigung des eigenen Kindes. Aber wie ist es, wenn die Motivlage sich ins Dunkle oder Böse verändert?

Nedopil: Wenn die Motivlage sich ins Dunkle verändert, würde ich sagen, gibt es sicher Menschen, die dazu weder von sich aus in der Lage sind noch dazu verführbar sind. Die Nicht-Verführbaren würden wir vielleicht als Helden bezeichnen, wir kennen alle aus der Zeit des Dritten Reichs Menschen wie Bonhoeffer, die sich standhaft gewehrt haben, sich in solche Tötungsmaschinerien einbinden zu lassen.

hr-iNFO: Sie schreiben in Ihrem Buch u.a., das Eis sei dünn, man breche schneller ein als man denkt. Unter welchen Voraussetzungen bricht denn das Eis?

Nedopil: Das Eis bricht sehr schnell, wenn die Situation um einen herum sehr brüchig geworden ist, wenn Töten sozusagen wie erlaubt wird oder wenn das menschliche Leben nicht mehr so viel wert ist wie es bei uns wert ist.

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Buch

Norbert Nedopil: "Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern"
Goldmann Verlag
320 Seiten
19,99 Euro (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3442314423

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Wir schätzen uns in der glücklichen Lage, dass bei uns das menschliche Leben so viel wert ist, dass es eine hohe Hemmschwelle hat, gegen diesen Wertbegriff vorzugehen. Und das ist das Eis, das da ist und das uns schützt. Die Zahl der Morde in Deutschland ist von 1993 bis heute auf ein Drittel gesunken. Von 2000 ungefähr auf 600 bis 700 Tötungsdelikte im Jahr.

Lust, Machtzuwachs, letzter Ausweg

hr-iNFO: Ich hatte mal die Gelegenheit, einen inhaftierten Mörder zu interviewen. Was mich beeindruckt hat, war die Situation, dass er die Tatsituation immer wie einen Tunnel schilderte. Also Menschen, die eine gewisse Zeit in einer Tunnelsituation waren, in der ihnen die Tat als einziger Ausweg erschien. Ist das auch typisch dafür, dass man schuldig werden kann?

Nedopil: Es ist schon häufig so, dass die Betroffenen, die dann zum Täter werden, sich über eine längere Zeit wie gefangen in ihrem eigenen Denken oder auch in den Situationen, in denen sie sich bewegen, fühlen, und dass sie dann die Tötung als letzten Ausweg sehen. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die töten aus Lust, oder weil sie den Machtzuwachs genießen, der mit der Beherrschung eines anderen Lebens verbunden ist. Das gibt es natürlich auch.

hr-iNFO: Sie sind Gerichtspsychiater, sie begutachten Menschen, die grausame Verbrechen begangen haben. Entdecken Sie da häufig oder gelegentlich oder nie Schuldbewusstsein?

Nedopil: Man sollte ja nie vergessen, dass fast ein Drittel der Taten, der Tötungsdelikte, innerhalb einer Familie passieren. Das heißt, man tötet jemanden, den man mal geliebt hat oder vielleicht immer noch liebt, weil man in dieser Konfliktlage keinen anderen Ausweg gesehen hat. Und das plagt die Menschen natürlich danach. Deswegen ist es für sie auch eine dramatische Belastung.

Einmal Täter, immer Täter?

hr-iNFO: Wie kalkulierbar ist ein Täter, der seine Strafe abgesessen hat und in die Freiheit entlassen wird?

Nedopil: Die  Fehler, die passieren, wenn man solche Leute entlassen hat – ich würde mal sagen, da muss man mehrere Jahre die Literatur oder die Statistiken verfolgen, dann findet man einen, der aus einer solchen Situation rückfällig geworden ist. Dabei entlässt man und lockert man ungefähr 400 Leute gleichzeitig.

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"Engel fragt" im hr-fernsehen

Wie kommt man klar mit seiner Schuld - beispielsweise wenn man einen Unfall zu verantworten hat, bei dem Menschen ums Leben kamen? Und wie kann man so etwas einem anderen Menschen verzeihen? Darüber hat Philipp Engel u.a. mit Betroffenen gesprochen. [mehr]

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Also gleichzeitig laufen in Deutschland sicher 400 Leute rum, die schon jemand getötet haben und eine gewisse Zeit der Strafe abgesessen haben, aber noch nicht ganz in Freiheit sind, sondern in Überwachungssituationen wie Lockerungen usw.. Also insofern laufen sehr viele rum, aber es passiert Gott sei Dank sehr wenig. Und heute ist auch hier die Sicherheit sehr viel größer geworden als sie früher war.

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Das Interview führte Klaus Hofmeister aus der hr-iNFO-Kirchenredaktion.

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Sendung: hr-iNFO, Himmel und Erde, 30.3.2018, 6:05 Uhr

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