Regisseur Marc Ermisch (rechts) und die beiden Hauptdarsteller von "Kontaktlos" Ariana Gansuh (Mitte) und Dominic Betz (links)

Zum Start der Science Fiction-Serie "Kontaktlos", die der hr für die ARD Mediathek produziert, spricht Drehbuchautor und Regisseur Marc Ermisch über Dreharbeiten in Corona-Zeiten, menschliche Kontakte als Grundbedürfnis und Fortpflanzung im Speziellen.

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hr-iNFO: Wie entstand die Idee zur Serie "Kontaktlos"?

Ermisch: Der Ursprungsgedanke stammt von einer Redakteurin, die eine junge Tochter hat. Corona stand gerade sozusagen in voller Blüte - das war Ende März, Anfang April. Damals im März, April war ja wirklich alles zu und es gab die umfassenden Kontaktbeschränkungen. Die Redakteurin hat sich gefragt: Wie wäre das eigentlich, wenn das alles so weitergehen würde? Von diesen Gedanken lebt ja Science Fiction, wenn man Dinge, die jetzt schon da sind, zwei oder drei Schritte weiterdenkt.

Wie würde das also aussehen, wenn meine Tochter in 20 Jahren selbst Mutter werden will und keiner mehr Kontakt zueinander haben würde? Bestellt die sich dann alles Nötige online und lässt sich das mit der Post schicken? Das war der Ausgangspunkt und von da hat sich die Geschichte entwickelt: Das Gegenüber ist nur noch eine Bedrohung. Im schlimmsten Fall macht mich der Kontakt krank, bringt mich um. Also bleibe ich zu Hause. Fast alle arbeiten von zu Hause. Erziehung und Bildung findet nur noch zu Hause statt. Kommunikation findet nur noch über Video statt. Und wie ist das dann mit der Fortpflanzung?

Nur noch virtuelle Fortpflanzung

hr-iNFO: Findet Fortpflanzung noch statt?

Ermisch: Ja, aber nur noch virtuell. Denn näher als bei der Fortpflanzung kommt man sich ja selten. In der Zeit von "Kontaktlos" ist das aber etwas, das überhaupt nicht mehr so funktioniert. Dafür gibt es dann Software - also virtuelle Welten, in denen das stattfindet. Und es gibt ein Unternehmen, das auch die Hardware dafür liefert: Anzüge, die Berührungen imitieren und gleichzeitig als internationale Samenbank agiert. Wer Mitglied ist, kann sich dort also das Material nach Hause bestellen.

hr-iNFO: Es handelt sich bei der Serie auch um Satire und das apokalyptische steht nicht im Vordergrund.

Ermisch: Satire kommt natürlich auch darin vor, weil das, was sich aus all den Umständen entwickelt, zum Teil sehr absurd ist. Selbstverständlich. Allein die komische Art der Fortpflanzung und miteinander intim werden birgt bei aller Tragik auch eine gewisse Komik. Es ist aber kein reines Satireprogrogramm, sondern es geht im Laufe der Folgen schon in Richtung Thriller.

Menschlicher Kontakt ist essenziell

hr-iNFO: Was ist für Sie bei "Kontaktlos" der spannendste Punkt?

Ermisch: Was mich am meisten gereizt hat, war das Thema Menschlichkeit. Es wird immer propagiert, dass wir alle technischen Möglichkeiten haben. Es ist zwar toll, dass es in diesen Zeiten solche Mittel gibt, aber wir können noch so viel Videotelefonie einsetzen: Den direkten menschlichen Kontakt wird es niemals ersetzen können. Und dieser menschliche Kontakt - das war für mich bei der Arbeit ganz wichtig herauszuarbeiten: Das ist essenziell für uns Menschen!

hr-iNFO: Das Thema ist extrem aktuell. Hat sich Ihr Blick auf Ihren eigenen Umgang mit dem Lockdown und der Kontaktlosigkeit, die wir jetzt erleben, durch die Arbeit an der Serie verändert?

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Schwierige Produktionsbedingungen in Coronazeiten

"Es war sehr schwierig. Es waren große Herausforderungen für das gesamte Team: Das Drehbuch in drei Wochen runterzuschreiben, turboschnell zu drehen, dazu die Hygienebestimmungen.", sagt Ermisch. "Nur das, was am allernötigsten war, wurde für den Dreh eingeplant: Kameramann, Tonmann und Darsteller zum Beispiel. Es gibt ganz wenige Zweierszenen mit den Hauptprotagonisten. Es ist ein Kammerspiel."

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Ermisch: Ich habe jetzt noch häufiger Kontakt zu meinen Eltern als früher - und zwar direkten Kontakt. Wir haben uns in den letzten Monaten häufiger gesehen als davor in einem ganzen Jahr.

Ich möchte mehr direkten Kontakt, echten Augenkontakt: sich mal gemeinsam ins Café setzen und zusammen einen Kaffee trinken - auch wenn man da seinen Namen in eine Liste eintragen muss.

hr-iNFO: Science Fiction existiert im klassischen Fernsehen kaum. In der ganzen ARD ist man der Meinung, Science Ficiton funktioniert nicht ...

Ermisch: Das sehe ich anders!

hr-iNFO: Worauf muss man als Filmemacher bei Science Fiction achten, damit sich die Zuschauer auf so eine Zukunft einlassen?

Ermisch: Es ist eine Frage von Glaubwürdigkeit. Wir im Speziellen beim Fall von "Kontaktlos" sind ja "nur" 20 Jahre weiter in der Zukunft. Bei uns fliegen keine Raumschiffe herum, bei uns wird nicht gebeamt. Wir zeigen Sachen, die sich einfach weiterentwickelt haben.

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Regisseur Marc Ermisch (rechts) und die beiden Hauptdarsteller von "Kontaktlos" Ariana Gansuh (Mitte) und Dominic Betz (links)
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Natürlich müssen wir so kleine technische Gadgets einbauen, damit die Leute merken: Wir sind nicht mehr im Jahr 2020, sondern wir sind in 2040 - weil es diese Sachen noch nicht gibt. Und da braucht es eine andere Art der Bildsprache, um diese Zukunft zu etablieren. Aber das Menschsein und die zwischenmenschlichen Probleme sind, auch wenn sich die Technik drumherum verändert, 2040 ähnlich wie sie 2020 oder schon 1950 gewesen sind. Das sind universelle Dinge, die immer gleich bleiben.

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Das Gespräch führten Jan Tussing und Pablo Diaz.

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Sendung: hr-fernsehen hessenschau kompakt, 24.07.2020, 16.45 Uhr

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