Zwei Hände greifen als Schatten nach einem Kind

Sie suchen online nach mutmaßlichen Pädosexuellen, um sie der Polizei zu übergeben: Gruppen, die sich in den Niederlanden im Internet zusammengeschlossen haben. Ein solcher "Einsatz" hatte bereits tödliche Folgen. Die niederländische Polizei ist besorgt.

Sie nennen sich "jagers 030", die Jäger 030. Die Zahl steht für die Vorwahl von Utrecht. Zu der Gruppe gehören Jugendliche und junge Erwachsene aus der Stadt, die über Soziale Medien Kontakt zu vermeintlichen Pädophilen suchen. Die selbsternannten Gesetzeshüter geben sich als minderjährige Jungen oder Mädchen aus und verabreden sich mit den ihrer Ansicht nach Verdächtigen zum Sex.

Das sei keinesfalls ein "in die Falle locken", meint ein Utrechter "Pedojager", der sein Gesicht vermummt hat und lieber anonym bleiben will: "Wir locken sie an – für einen guten Zweck. Denn wenn Sie wüssten, was wir alles an Fantasien zu lesen bekommen, dann wünschen sie sich, dass Minderjährigen so etwas nicht widerfährt." 

Behörden in Sorge

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Kindesmissbrauch
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Am Treffpunkt gibt sich die junge Bürgerwehr zu erkennen und stellt die mutmaßlichen Delinquenten zur Rede. Der sogenannte Bürgerarrest wird mit der Handykamera gefilmt, die Bilder tauchen anschließend im Internet auf, ohne das Gesicht des angeblichen Kinderschänders unkenntlich zu machen. "Wenn du entscheidest, dich mit minderjährigen Mädchen zu verabreden, weißt du Bescheid: du kommst ins Internet. Die Menschen haben das Recht zu erfahren, wer in ihrer Nachbarschaft wohnt. Das Problem ist, dass die Strafen zu gering sind. Deshalb erhöhen wir den Druck auf die Regierung und sagen: ihr unternehmt nichts, dann machen wir es selbst."

"Pedo-Jagd" nennen das die Behörden - oder Selbstjustiz. Allein im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres registrierte die Polizei landesweit mehr als 250 solcher Fälle. Facebook-Gruppen mit dem Namen "Pedohunt" oder "Pedofielenjagers" zählen mitunter mehr als 10.000 Mitglieder. Polizeisprecher Joost Lanshage beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: "Das ist nicht erlaubt. Die Menschen verdienen einen ehrlichen Prozess, und so lange sie noch nicht verdächtig sind, darfst du sie nicht einfach erkennbar abbilden. Die Leute können nicht einfach Richter spielen. Beweise zu liefern ist an sich prima, aber man sollte darauf achten, dabei die Grenzen des Gesetzes nicht zu überschreiten."

Tödliche Dynamik

Oftmals aber werden diese Grenzen überschritten. So im Oktober des vergangenen Jahres in Arnheim, wo eine Gruppe von Jugendlichen einen 73-Jährigen zu einem Treffpunkt lockte, um ihn zu verprügeln. Der ehemalige Lehrer – nach Angaben der Polizei wohl nicht pädophil – starb später im Krankenhaus an Gehirnblutungen. Vor diesem Hintergrund warnt Joost Lanshage vor möglichen Dynamiken, die entstehen können: "Es steht Menschen natürlich frei, mutmaßliche Straftäter anzusprechen. Es kann aber passieren, dass das in Gewalt eskaliert, dass sich da was hochschaukelt, und dann machen sich Leute sehr schnell strafbar. Wir raten deshalb nachdrücklich davon ab, Verdächtige anzusprechen."

Zwei der Täter aus Arnheim, der jüngste gerade mal 15, wurden vor ein paar Tagen zu einem halben Jahr Jugend-Haft verurteilt, drei weitere zu Bewährungsstrafen und 200 Sozialstunden. Die Angeklagten, so urteilte das Gericht, hätten den Mann angelockt, ihn eigenmächtig für pädophil erklärt, eine Strafe verhängt und diese Strafe höchstpersönlich ausgeführt. 

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 10.5.2021, 9 bis 12 Uhr

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