Gesichert von schwerbewaffneten Polizisten verlassen Passanten die Flaniermeile "La Ramblas" in Barcelona.
Gesichert von schwerbewaffneten Polizisten verlassen Passanten die Flaniermeile "La Ramblas" in Barcelona. Bild © picture-alliance/dpa

Vor einem Jahr raste ein Lieferwagen auf "La Rambla" in Barcelona in eine Menschenmenge, 14 von ihnen starben. Wie geht es den Menschen heute, die den Anschlag miterlebt haben?

Irgendwann hat Jaume Doncos Chopin aufgelegt. Um die Leute zu beruhigen, die sich damals in seinen kleinen Musikalienladen geflüchtet hatten - in die Casa Beethoven. Nicht weit vom Schauplatz des Terrors am 17. August 2017. Als ich Jaume aufsuche, ist auch Laurent aus Paris gerade da. Er war damals einer von denen, die sich in Panik in dem kleinen Laden von Jaume drängten: "Er hat uns Wasser gegeben und Kekse. Und er hatte WLAN für uns, so dass wir unsere Familien informieren konnten", erzählt Laurent, sichtlich berührt.

Auf der anderen Straßenseite der Ramblas von Barcelona arbeitet Claudia als Kellnerin. Auch hier suchten Passanten in den chaotischen Minuten gegen fünf Uhr nachmittags Zuflucht. Die Rolläden wurden schnell heruntergelassen. Niemand wusste, was draußen geschah: "Wir waren ungefähr fünf Stunden eingesperrt", berichtet Claudia.

Am Schlimmsten sind bis heute die dran, die Angehörige verloren haben oder dem Lieferwagen damals auf den Ramblas knapp entkommen konnten. Das Trauma hält an: Susana Lopez beispielsweise merkt man an, wie tief der Schock bis heute sitzt: "Ich sehe, wie der Wagen im Zickzack fährt. Ich höre den Aufprall der Menschen", so ihre angstvolle Schilderung. Schnell kommen bei ihr schlimme Erinnerungen hoch, so wie bei Edita Cedono. Auch sie hat alles gesehen, ihr Leben habe sich total verändert: "Ich habe keine Kraft mehr, ich bin so traurig", schluchzt Edita.

"Behörden kümmern sich nicht genug"

Selbsthilfegruppen versuchen bis heute, den Opfern mit Traumata psychologische Hilfe zu besorgen. Sie beklagen, dass die Behörden sich um die Menschen mit Spätfolgen nicht ausreichend kümmern würden. Überhaupt: In Katalonien sei der Anschlag viel zu schnell aus den Schlagzeilen verschwunden. Weil sich polititisch ab dem Herbst letzten Jahres in Katalonien alles um die angestrebte Unabhängigkeit drehte und das Land in eine politische Krise stürzte.   

Und haben sich die Ramblas verändert? Es gibt jetzt Sicherheitspoller an den Rändern. Für eine offizielle Gedenktafel am Ort des Schreckens hat es bisher nicht gereicht. Kellnerin Claudia sieht es so: "Es ist wieder normales Leben, eher mehr Touristen."Jaume aus dem Musikladen Casa Beethoven wird nicht zur Gedenkfeier um die Ecke gehen, die am Freitag stattfindet. Er meint, das sei eine Inszenierung für die Medien, eine Show. Jaume bleibt in seinem kleinen Laden, wo am 17. August letzten Jahres Chopin ertönte, als draußen Terroralarm war.  

Sendung: hr-iNFO, 17.8.2018, 12:45 Uhr

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