Jugendamt

Aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus können Jugendämter nicht wie gewohnt arbeiten, um gefährdete Kinder zu schützen. Zwei Mitarbeiterinnen von Jugendämtern in Hessen haben mit uns darüber gesprochen, welche Folgen das hat.

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Die Mitarbeiterinnen möchten anonym bleiben. Wir veröffentlichen Auszüge aus den Gesprächen mit ihnen deshalb ohne Namen und Ortsangaben.

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Mitarbeiterin im Jugendamt (1): "Arbeit und Gespräche sind sehr belastend"

"Für die Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien stellt die aktuelle Situation eine Herausforderung, aber auch Gefahr dar. Der Kinderschutz wird in den Jugendämtern weiterhin sichergestellt. Jedoch ist nicht mehr jeder Hausbesuch möglich. Zudem fallen Beratungsgespräche und Hilfeplangespräche aus. Dadurch findet kaum Kontakt mit Klienten statt und es ist kaum möglich zu wissen, wie es den Familien geht."

"Viele Familien suchen den Kontakt zum Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Es ist nur oftmals nicht möglich, diesen herzustellen. Ich versuche, mit den Familien und Helfern über Telefonate einige Fragen zu klären und zu unterstützen. Besonders der Umstand, dass die Kinder ausschließlich zu Hause betreut werden und der Blick von Schulen und Kindergärten fehlt, stellt ein großes Risikopotential dar. Die Kinder haben sicherlich nicht immer ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten und Anreize zu Hause. Zudem wird es eine Herausforderung für den ASD und die Helfer, nach der Pandemie wieder eine gute Bindung zu den Familien aufzubauen."

"Durch die Erfahrung mit Meldungen in der letzten Woche wurde deutlich, dass viele Eltern aufgrund von psychischen Erkrankungen aktuell zusätzlich belastet sind. Einige haben psychotische Schübe bekommen oder sind von starken depressiven Episoden betroffen. Für diese Menschen sind kaum Anlaufstellen verfügbar. Die psychologischen Dienste haben geschlossen und Beratungsstellen sind nur noch eingeschränkt erreichbar. Ich denke, dass viele Eltern subjektiv dringende Anliegen haben, jedoch kaum Ansprechpartner."

"Das Wegfallen anderer Familienmitglieder (Großeltern, Tanten, Onkel etc.) ist für die Kinder teilweise ein schwerer Verlust. Ihnen die Tragweitere der Corona-Pandemie zu erklären, ist sicherlich keine einfache Aufgabe. Zudem sind viele Klienten mit einer sprachlichen Barriere konfrontiert. In von uns betreuten Flüchtlingsheimen scheint die Kommunikation defizitär zu verlaufen. Die Familien können oftmals nicht verstehen, wie sich die aktuelle Situation darstellt und welche Regeln zu beachten sind."

"Die Arbeit im ASD hat sich deutlich verändert. Seit einer Woche werden nur noch Meldungen nach Paragraf 8a SGB VIII bearbeitet. Dadurch ist eigentlich jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit im Kinderschutzdienst. Die Gespräche und die Arbeit sind sehr belastend. Dies begründet sich dadurch, dass es nur noch wenige Möglichkeiten gibt, eine Hilfe zu installieren. Die freienTräger können ihre Arbeit nur noch bedingt ausführen. Dadurch stoßen wir sehr schnell an die Grenzen und die Umsetzbarkeit einer Hilfe. Aktuell hat sich die Arbeitssituation geändert. Das Team wurde in zwei Gruppen aufgeteilt und arbeitet abwechselnd. So soll eine Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt werden. Viele Mitarbeiter aus unserem Team sind über 60 Jahre alt oder haben kleine Kinder und sind dadurch zu Hause. Ab heute wird unser Team also sehr klein sein. Es wird sich die nächsten Wochen zeigen, wie die Arbeit umgesetzt werden kann."

Mitarbeiterin im Jugendamt (2): "Ein Flickenteppich ohne Steuerung"

"Wir sind am ASD aktuell durch einige Mitarbeiterinnen in freiwilliger Quarantäne dezimiert. Die Hygienevorschriften machen die Arbeit in jeder Hinsicht besonders."

"Tatsächlich sind die Reaktionen der Familien meinem Eindruck nach sehr unterschiedlich. Ich denke, für manche ist der Wegfall von Schule tatsächlich eine Entlastung. Fraglich ist für mich jedoch, wie die Familien auf Dauer mit den erhöhten Anforderungen von Bildung im häuslichen Umfeld umgehen. Die Kinder bekommen ja meist von der Schule entsprechendes Material zugesandt, was letztlich gemeinsam mit den Eltern erarbeitet werden muss. Wir haben in „normalen“ Zeiten schon die Hausaufgabensituation als belastend für die Familien erlebt, weshalb ich eigentlich erwarte, dass sich daraus ergebende Konflikte eher zuspitzen. Zumal viele Familien mit mehreren Kindern nun damit konfrontiert sind, die Kinder alle zeitgleich zu betreuen und gegebenenfalls Unterstützung durch Großeltern oder andere familiäre Ressourcen wegfallen. Sorgen mache ich mir vor allem um die Familien, die ohnehin versuchen, zu uns so wenig Kontakt wie möglich zu haben. Für manche stellt das Virus - neben der ehrlichen Sorge, die ich niemandem absprechen will - schon fast eine willkommene Ausrede dar, um Termine nicht wahrzunehmen und eben auch keine Hausbesuche zulassen zu wollen. Die Kinder bekommt dadurch keinen zu Gesicht und wir müssen vermehrt in die Diskussion gehen, wieso und weshalb (beispielsweise im Paragraf 8a SGB Vlll) eine Kontaktaufnahme oder ein Hausbesuch trotz der Ansteckungsgefahr notwendig ist."

"Ein weiteres Problem nehmen wir gerade in der unklaren Situation mit den freien Trägern wahr. Auch diese reagieren unterschiedlich auf die Pandemie und schränken ihre Tätigkeiten auch stark ein, was natürlich auch Auswirkungen auf unsere Arbeit hat. Wir mussten dabei schon ins Gespräch gehen, um zumindest die nötigsten persönlichen Kontakte zu Familienhelfer*innen und Co. zu erhalten.

"Alle sind motiviert, aber die Situation ist belastend und viele Fachkräfte fallen wegen eigenen Kindern aus - ein Flickenteppich ohne Steuerung."

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