Gewalt gegen Frauen

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Frau, Freundin oder Ex zu ermorden - jeden dritten Tag gelingt es ihm auch. Das sind Zahlen, die schockieren. Und sie sind nicht neu.

Svenja Beck aus Darmstadt hat es geschafft. Sie hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Ex-Partner, der sie vier Jahre lang misshandelt und geschlagen hat. Alles begann mit einem Schuh-Kauf. "Weil ihm die Schuhe nicht gefielen, hat er mir im Parkhaus eine heftige Ohrfeige gegeben", erinnert sie sich. Was dann folgte, waren vier Jahre Leben in Angst vor Schlägen und Misshandlungen.

Zwischen Hoffnung und Angst

Nach außen hin versucht Beck, ein normales Leben zu führen. Sie glaubt ihrem Partner, wenn er sich immer wieder entschuldigt und verspricht, sich zu bessern. Es ist ein Teufelskreis aus Hoffnung und Angst, den sie erst durchbricht, als er sie eines Tages fast erwürgt. "Ich musste Anzeige erstatten, denn ich hatte so schwerwiegende Verletzungen, die konnte ich nicht mehr leugnen. Vorher habe ich immer irgendwas erfunden und jetzt habe ich nichts mehr leugnen können und bin gleich zur Polizei in Seligenstadt und habe Anzeige erstattet."

Heute kann Svenja Beck offen darüber reden. Damals ging das nicht. Zu groß war die Angst, er tut auch ihren drei Kindern etwas an. Zu groß waren die Scham und auch die Schuldgefühle, "weil ich die Fehler immer bei mir gesucht habe." Ein Muster, das auf viele Frauen zutrifft, bestätigt Julia Schäfer, Leiterin der hessischen Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt.

Gewalt hat nichts mit Bildung oder Kultur zu tun

Hinzu kommt: In den meisten Fällen ist der Täter der Ehepartner, Lebensgefährte oder aber der Ex, also quasi der Feind im eignen Bett. Dabei gibt es nicht den einen prototypischen Täter, erklärt Schäfer: "Gewalt kommt in jeder sozialen Schicht vor und ist unabhängig von der Herkunft der Frau und auch des Täters, von dem Bildungsstand, von der Religion und den wirtschaftlichen Verhältnissen." Es ist also ein Mythos, dass Gewalt vor allem in Familien am Rand der Gesellschaft oder in Familien aus anderen Kulturkreisen vorkommt. Laut der Statistik des Bundeskriminalamtes hatten knapp 70 Prozent der Täter die deutsche Staatsangehörigkeit.

Natürlich gibt es auch Genitalverstümmelung, Ehrenmorde oder Kinderehen, aber indem man den Blick darauf reduziert, bestehe die Gefahr, dass Gewalt auf Frauen darauf reduziert wird. Darauf weist der Deutsche Juristinnenbund (DJB) hin. Denn Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat viele Gesichter: häusliche Gewalt, Zwangsprostitution, sexuelle Übergriffe, Kinderehen, Mord. Und sie findet zum Großteil in Beziehungen statt.

Die Dunkelziffer ist noch viel größer

Es gibt auch Männer, die Opfer von Gewalt werden, aber in vier von fünf Fällen sind die Opfer weiblich. Jede dritte Frau in Deutschland erlebt in ihrem Leben Gewalt - und das ist nur die Spitze des Eisbergs: das Dunkelfeld ist riesig, etwa 70 bis 80 Prozent der Frauen holen sich keine Hilfe. Umso wichtiger ist ein engmaschiges Netz an Hilfsangeboten, wie zum Beispiel das bundesweite Hilfetelefon. Dieses gibt es seit fünf Jahren und wird immer häufiger genutzt. Die Frauen erfahren dort, an wen sie sich wenden können.

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Zum Artikel Kein Liebesdrama - Gewalt gegen Frauen (Teil 2)

Symbolbild Häusliche Gewalt
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In den vergangenen Jahren hat sich in Deutschland einiges getan, um häusliche Gewalt einzudämmen: Seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. 2002 kam das Gewaltschutzgesetz. Damit hat die Polizei mehr Möglichkeiten, Gewalttäter in einer akuten Situation aus der Wohnung zu verweisen. Und 2018 trat die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Kraft.

Erste Schritte auf einem weiten Weg

Die Konvention verpflichtet alle Unterzeichnerstaaten durch Gesetze und politische Programme, Frauen vor Gewalt zu schützen. In Deutschland hatte das zum Beispiel die Reform des Sexualstrafrechts zur Folge. Die "Nein heißt Nein!"-Regelung wurde eingeführt. Damit ist die Istanbul-Konvention auf jeden Fall ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Gewalt an Frauen, sagt der DJB. Aber, so Leonie Steinl, Vorsitzende der Kommission Strafrecht beim DJB: "Die ist noch nicht vollständig umgesetzt - zum Beispiel, dass das Unterstützungsangebot noch nicht flächendeckend finanziert und für alle Frauen zugänglich ist."

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zum hr-fernsehen.de Video Femizid – Wenn Männer ihre Partnerinnen töten

Gewaltopfer
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Laut dem DJB besteht hier dringender Handlungsbedarf: Es braucht mehr Plätze in den Frauenhäusern bundesweit, mehr Beratungsangebote auf dem Land, eine gesicherte Finanzierung, mehr Angebote für behinderte Frauen oder Frauen ohne Deutschkenntnisse – und auch mehr Angebote für die Täter. Denn auch die Arbeit mit gewalttätigen Männern sei für einen Opferschutz wichtig, so die Vorsitzende des Bundesverbandes Täterarbeit Daniele Hirth. "Wenn die Gewalttäter nicht aufhören zu schlagen, zu demütigen, zu verfolgen, dann kann man auch die Opfer nicht wirklich schützen."

Weitere Informationen

Hier gibt es Hilfe

Wenn Sie als Frau von häuslicher Gewalt betroffen sind, können Sie rund um die Uhr kostenfrei das Hilfetelefon anrufen unter der Nummer 08000-116016.

Männer, die ein Aggressions- und Gewaltproblem haben, können (frühzeitig) Hilfe und Beratung bekommen. In der "Wegweiser"-Broschüre der Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt werden Anlaufstellen in Hessen aufgelistet.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 24.11.2020, 9-12 Uhr

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