Kleines Mädchen mit Smartphone in der Hand

Ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung sagt, dass Kinder- und Jugendschutz im Internet zurzeit nicht stattfinde. Der Filmemacher Sebastian Bellwinkel hat sich damit auseinandergesetzt, was mit Kinderfotos im Netz passiert. Wir haben mit ihm gesprochen.

hr-iNFO: Wie kommt der Missbrauchsbeauftragte in Ihrem Film zu dem Schluss, dass Kinder- und Jugendschutz im Netz nicht stattfinden?

Sebastian Bellwinkel: Es ist so, dass einerseits die Industrie, die mit Online-Computerspielen oder Social Media-Diensten viel Geld verdient, zu wenig für den Kinderschutz tut. Und auch die Bundesregierung tut trotz hehrer Versprechungen im Koalitionsvertrag herzlich wenig.

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Sebastian Bellwinkel ist Autor der ARD-Doku "Kinderfotos im Netz". Hier können Sie die Sendung in der Mediathek anschauen.

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Und das nächste ist, dass auch wir Eltern ganz häufig viel zu sorglos sind, beispielsweise mit Fotos, die wir von Kindern im Internet posten. Das führt in der Summe dazu, dass der Kinderschutz im Netz deutlich ausbaubar ist.

hr-iNFO: In ihrem Film geht es zum einen um diese Fotos - also mehr oder weniger normale Alltagsbilder von Kindern, die meist von stolzen Eltern ins Netz gestellt werden. Was passiert dann mit diesen Bildern?

Bellwinkel: Wir haben mit einer Psychologin gesprochen, die darauf spezialisiert ist, Täter zu therapieren. Diese Täter sagen ihr in den Therapiestunden, dass sie ganz gezielt Social Media-Dienste wie Instagram oder Facebook nach Kinderfotos absuchen, die dort öffentlich zugänglich sind. Und diese Täter, die sich mit diesen Bildern dann am Ende sexuell stimulieren, sagen: 'Ist doch legal. Die sind doch alle so ins Netz gestellt, dann kann ich die doch benutzen.'

Onlinespiele sind eine potenzielle Gefahr

Des Weiteren werden solche Bilder auch aus diesen Social Media-Portalen rauskopiert und dann auf - ich sag' mal - pornografische Seiten hochgeladen und dort weiterverbreitet und geteilt, teilweise hunderttausendfach und aufs Ekelhafteste kommentiert. Das kann man hier gar nicht zitieren. Aber es ist schon abenteuerlich, auf welche Wege dann solche Kinderfotos gehen. Fotos, von denen die Eltern einfach dachten, dass sie für ein paar Freunde sind, dass die sich das mal angucken können.

hr-iNFO: Ein anderer Schwerpunkt Ihres Films sind Onlinespiele. Gemeint sind Spiele, die für Kinder durchaus zugelassen, aber trotzdem problematisch sind. Warum?

Bellwinkel: Bei einem Spiel ab null oder ab sechs Jahren sind zum Beispiel keine nackten Brüste zu sehen oder andere Körperteile – das heißt, von daher sollte eigentlich alles okay sein. Das Problem sind aber die Mitspieler. In Onlinespielen spricht man sich mit anderen Spielteilnehmern ab, macht gemeinsame Teams, spielt gegen andere und im Chat kann man dann Strategien absprechen.

Das nutzen häufig Täter, um sich dort reinzuschleichen, Kontakt aufzubauen zu Kindern, die erst mal nichts Böses ahnen, und dann werden die Kinder geschickt eingewickelt und werden auf Messenger-Dienste wie KiK oder WhatsApp geschleust. Das kann man von außen nicht einsehen und dann geht's auf einmal ans Eingemachte und Kinder sollen plötzlich Nacktfotos von sich schicken oder vor der Kamera an sich rumspielen und ähnliches. Und das alles wird in den Onlinechats beispielsweise bei solchen Computerspielen gestartet.

Die Politik tut zu wenig

hr-iNFO: Sind das Einzelfälle oder findet das auf breiter Front statt?

Bellwinkel: Ich glaube schon, dass man davon ausgehen muss, dass das auf breiterer Front ist. Es gibt Studien, die belegen, dass jedes vierte, fünfte Kind in solchen Onlinespielen so etwas schon mal erlebt hat, dass es irgendwie angequatscht worden ist. Nicht jedes Kind geht darauf ein, aber manche Kinder, da kann man ihnen ja keinen Vorwurf machen, die durchblicken die geschickten Strategien der Täter nicht gleich, und plötzlich verschicken sie Fotos von sich - was sie normalerweise nie getan hätten.

Und dann sind sie mit diesen Fotos erpressbar, bekommen sozusagen gesagt, sie sollen noch weitere Fotos schicken, sonst würden diese Fotos veröffentlicht. Und das ist natürlich auch alles ein riesiggroßes Tabu. Da spricht keiner gerne drüber und auch das nutzten die Täter aus, weil sie wissen, dass da keiner so genau hinschaut.

hr-iNFO: Und sie sagen, Industrie und Politik gucken weg. Woran machen Sie das fest?

Bellwinkel: Ich will ein Beispiel nennen: In der vergangenen Legislaturperiode hat die Große Koalition unter dem Bundesjustizminister Heiko Maas das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedet. Das richtet sich eigentlich gegen Hasskommentare im Internet, also bei Twitter und anderen Social Media-Diensten. Im ersten Entwurf dieses Gesetzes waren auch noch die Anbieter von Onlinespielen mit drin.

Das heißt, dort hätten also auch diese Anbieter gucken müssen, dass beispielsweise ein solches Anquatschen von Kindern in Chats besser kontrolliert wird mit professionellen Moderatoren. Dieser Passus ist aber aus dem Gesetzesentwurf auf Druck der Onlinespiele-Industrie herausgestrichen worden, weil die sagen: 'Das findet bei uns nicht statt. Das findet nur bei Instagram oder Facebook statt. Aber wir sind hier nicht das Problem.' So ist das aus dem Gesetz rausgestrichen worden und die Täter haben weiterhin freie Bahn und keiner tut was.

Eltern müssen sich aktiv informieren

hr-iNFO: Also müssen offensichtlich die Eltern aktiv werden. Wie können die denn ihre Kinder am effektivsten schützen? Keine Spiele mehr, kein Handy – das ist ja wahrscheinlich keine realistische Option?

Bellwinkel: Nein, es geht nicht um verbieten, es geht um aufklären. Ganz häufig ist es so, dass die Kinder den Eltern beibringen, wie Social Media-Dienste wie Onlinespiele funktionieren. Umgekehrt muss es der Fall sein, sagen uns die Experten. Nur wenn ich selber verstehe, wie Snapchat, Instagram, oder Clash of Clans und solche Spiele funktionieren, dann kann ich auch die Gefahren besser einschätzen und kann meine Kinder davor bewahren und sie auf mögliche Gefahren hinweisen.

Was aber nicht sein kann ist, dass es den Eltern egal ist und die sich sagen: 'Naja, meine Kinder sind sowieso viel schlauer. Was soll ich damit?' Damit betreibt man keinen vernünftigen Kinderschutz und ist eigentlich auch kein gutes Vorbild.

Das Interview führte Simone von der Forst.

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