Schatten eines schaukelnden Kindes.

Auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen sollen mindestens 23 Kinder sexuell missbraucht worden sein. Die Polizei spricht von über 1000 Einzeltaten und geht davon aus, dass es noch mehr Opfer gibt.

Das Ausmaß des Verbrechens ist größer als bisher geahnt. Mindestens zwei Männer sollen über zehn Jahre hinweg Kinder missbraucht haben. Ein 56 Jahre alter Dauercamper soll die Opfer zusammen mit einem weiteren Mann angelockt und misshandelt haben. Die Männer filmten ihre Taten und verkauften das Material über das Darknet an einen weiteren Verdächtigen. Er gilt als Auftraggeber.

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Teilgeständnis nach Kindesmissbrauch in Lügde

Im Fall des sexuellen Missbrauchs an mindestens 23 Kindern in Nordrhein-Westfalen hat ein Mann aus Stade ein Teilgeständnis abgelegt. [mehr auf ndr.de]

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Selbst den Ermittlern fällt es schwer, alle Details aufzulisten. "Der erste Nachweis schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes erfolgte bereits 2008 an einer Achtjährigen. Das Alter der Opfer war zur Tatzeit jeweils zwischen vier und 13 Jahre. Wir haben insgesamt 23 Opfer identifizieren können. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass diese Zahl vermutlich nicht abschließend bleibt“, sagt Gunnar Weiß von der Polizei Lippe.

Jugendämter griffen nicht ein

Das Ausmaß des Falles ist unvorstellbar. Die Polizei konnte bisher 13.000 Dateien von Missbrauchsabbildungen auf Computern, Festplatten, CDs und DVDs und Mobiltelefonen sicherstellen – ein Datenvolumen von 14 Terabyte muss jetzt ausgewertet werden.

Aufgeflogen sind die Täter erst nach einer Anzeige von Eltern aus Niedersachsen. Ihre Tochter sei auf dem Campingplatz missbraucht worden. Sie hat dort eine Freundin besucht. Diese Freundin war die Pflegetochter des 56-jährigen Dauercampers. Das Mädchen ist heute acht Jahre alt. Schon vor Jahren gab es Hinweise auf eine Gefährdung des Kindes. Zwei Jugendämter sahen aber keinen Grund zum Eingreifen.

Es darf nicht mehr gespart werden

Mehr als 20 Kinder sind zu Opfern geworden - und keiner hat etwas bemerkt. Wie ist das möglich? Elke Nowotni ist Diplom-Psychologin beim Kinderschutzzentrum in Berlin. Sie sagt, es sei schwierig zu merken, dass ein Kind missbraucht wird, da es keine typischen Symptome gebe. "Sondern in den meisten Fällen geht es um Auffälligkeiten, entweder nach innen gerichtet, oder nach außen. Sie haben dabei Jugendliche, die auf Triebe gehen, aber auch Kinder, die plötzlich in der Schule zusammenbrechen, wenn eine Klausur geschrieben wird. Sie haben auch Kinder und Jugendliche dabei, die autoaggressives Verhalten zeigen, sich ritzen." Man könne daher nicht sofort sagen, ein bestimmtes Verhalten lasse automatisch auf Missbrauch schließen.

Die Staatsanwaltschaft will jetzt prüfen, ob die Behörden tatsächlich richtig gehandelt haben. Johannes Wilhelm Rörig ist unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs. Er sieht Handlungsbedarf in den Jugendämtern: "Wir haben insgesamt klare Hinweise, dass die Überlastung in den Jugendämtern enorm ist und hier muss Politik auch tatsächlich handeln. Es müssen Personalbedarfsanalysen in den Jugendämtern durchgeführt werden und es muss dann auch Personalaufstockung geben. Politik muss im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ganz dringend neue Prioritäten setzen. Es darf im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe in Zukunft nicht mehr gespart werden".

Sendung: hr-iNFO, 31.1.19, 10:10 Uhr

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