Kirchenflaggen der Evangelischen Kirche in Deutschland (picture-alliance / epd)

Mit dem Beginn des 3. Ökumenischen Kirchentages schauen die Kirchen auch zurück auf ein Jahr Pandemie: Inwieweit konnten die Gemeinden ihren Pflichten nachkommen? Haben Kirchen und Gottesdienste an Bedeutung verloren? Ein Einblick in den Alltag einer Wiesbadener Gemeinde.

Für manchen ist es Wiesbadens urigste Kneipe. Die Pfarrei St. Birgid hat im Turnraum der ehemaligen Kita einen Pub als Jugendtreff eingerichtet: Paddys Pub. Hier kann man sein Guinness an großen Holzfässern trinken, die als Stehtisch dienen. An den gelben Wänden hängt allerlei Kurioses, das die Jugendlichen auf Flohmärkten aufgestöbert haben, eine Mandoline etwa, alte Schlittschuhe oder ein Pferdegeschirr.

Normalerweise ist an "Paddys Thursday" die Hütte voll. "Es gibt ja nichts Schöneres, als wenn in einer lockeren Freizeit-Atmosphäre überhaupt nicht gezwungen auf einmal ein tiefgreifendes Gespräch geführt wird - über Dinge innerhalb der Kirche oder über persönliche Glaubensfragen. Das passiert ganz, ganz häufig", so Pfarrer Frank Schindling.

Alles anders

Doch der beliebte Treff ist seit Monaten verwaist. Dabei ist Beziehung nicht nur in der Jugendarbeit wichtig. Der Pfarrer zieht eine gemischte Bilanz nach einem Jahr Corona: "In der Pfarrei läuft alles anders, aber es läuft." Es gebe Gottesdienste und viele Online-Angebote, dafür sei er dankbar. "Aber das Gemeindeleben läuft eben nicht, und das ist wirklich schmerzhaft. Manchmal bange ich darum, ob das alles wieder so wird, wie es mal war."

Manche fürchten schon, dass die Pandemie die Austrittswelle in der evangelischen und der katholischen Kirche noch verstärken könnte, etwa weil Selbstständige in Finanznot geraten. Andererseits muss man erst mal einen Termin beim Standesamt ergattern, um seinen Austritt zu erklären, was gerade auch nicht einfach ist. Genaueres werden die Austrittszahlen für 2020 zeigen, die im Juni veröffentlicht werden.

Singen fehlt

In der Sakristei von St. Birgid tüfteln zwei Männer gerade daran, wie man Bild und Ton aus der Kirche ins Freie übertragen kann. Was solche technischen Lösungen angeht, hat die Gemeinde St. Birgid eine steile Lernkurve hingelegt. Man trifft sich in Videokonferenzen und Online-Andachten.

Trotzdem fehlt was: "Vor allen Dingen das Zusammentreffen mit anderen, das ist jetzt alles nur mit Abstand oder online möglich, das macht natürlich nicht ganz so viel Spaß, und in der Kirche das Singen, das fehlt ungemein", sagt Thomas Hucke.

Ein Podcast mit Zukunft

Der 46-Jährige engagiert sich im Pfarrgemeinderat und sorgt dafür, dass man die Sonntagspredigt als Video im Netz sehen kann. Die Seelsorger teilen ihre Gedanken zum Evangelium außerdem in einem täglichen Podcast. Nicht nur sie, auch Mitglieder aus der Gemeinde, neulich sogar eine Achtjährige.

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Zum Artikel Kirchen in der Pandemie: Ein Lagebericht

Kreuz auf Kirchendach unter bewölktem Himmel
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Damit erreichen sie mehr Menschen als vor der Pandemie mit dem traditionellen Werktagsgottesdienst. "So ein Podcast, der geht anderthalb bis zwei Minuten, den kannst du Dir mal eben schnell anhören. Das ist vielleicht auch zeitgemäßer, vielleicht ist es auch leistbarer für viele, die im Berufsleben stehen und die gar nicht die Zeit haben, am Dienstagabend in den Gottesdienst zu gehen. Also, wir haben schon beschlossen, dass das mit den Podcasts weitergeht", so Pfarrer Schindling.

Nicht schwarzmalen

Nicht alles nur schwarzmalen ist auch die Haltung von Thomas Hucke. Er kann damit leben, dass der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr eben anders läuft: "Das kann ja schön sein, das in den eigenen vier Wänden zu machen, vielleicht mit der Familie am Bildschirm, das kann ungewohnte Vorteile haben. Vielleicht kann man mehr Angebote wahrnehmen, als wenn man physisch vor Ort ist."

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Zum Artikel Das Interview mit Pfarrerin Miriam Küllmer-Vogt: Kirchentag geht auch digital

Miriam Küllmer-Vogt
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Sendung: hr-iNFO, Das Thema, 12.05.2021, 6 bis 9 Uhr

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