Murat Aydin
Murat Aydin(58), Berzirksbürgermeister eines Istanbuler Stadtteils, ist inzwischen Vorbild vieler Kollegen. Bild © ARD

Die türkische Metropole ist nicht gerade als Luftkurort bekannt und schon gar nicht als fahrradfreundliche Stadt. Ein Bezirksbürgermeister will dagegen angehen und ist aufs Rad umgestiegen - und die gesamte Stadtverwaltung muss mitziehen. Inzwischen ist das Viertel ein Vorbild für andere.

Zeytinburnu ist auf den ersten Blick ein typischer Istanbuler Stadtteil – dicht bebaut, mit verstopften Straßen und wenigen Grünflächen. Rund 300.000 Menschen leben hier. Einer sorgt dafür, dass Zeytinburnu doch etwas Besonderes ist: Murat Aydin ist 58 Jahre alt, trägt einen dunkelblauen Anzug mit bunter Kravatte und einen schwarz-roten Fahrradhelm.

Lässig hebt er die Hand, um seine Bürger zu grüßen - wenn er nicht gerade lenken, bremsen oder schalten muss: "Wenn ich zu irgendeiner Veranstaltung oder zu einer Beerdigung muss, dann nehme ich das Fahrrad. Mittlerweile lege ich 95 Prozent aller Dienstfahrten in Zeytinburnu mit dem Rad zurück." Im Schnitt sind das etwa zehn Kilometer am Tag.

Vom Straßenfeger bis zur Bauaufsicht

In der Türkei, wo sich Selbstbewusstsein und Prestige häufig noch über die Größe des Autos definieren, ist der radelnde Bürgermeister von Erdogans Partei AKP Unikum und Vorreiter zugleich. Denn der Bürgermeister hat die gesamte Stadtverwaltung angewiesen, es ihm gleich zu tun. Vom Straßenfeger bis zur Bauaufsicht.

Zu Anfang sei der Widerstand groß gewesen, sagt er: "Die höheren Beamten dachten, ich spinne und das würde sich schon wieder geben. Aber ich habe ihnen die Dienstwagen gestrichen und sie vor die Wahl gestellt: 'Entweder Ihr fahrt Fahrrad oder Ihr geht zu Fuß!'" Bei den Arbeitern sei es dann nicht mehr schwer gewesen. Sie hätten sich der Anweisung gefügt. Doch nicht jeder konnte Fahrradfahren. Die Verwaltung organisierte deshalb Kurse und schaffte 500 Fahrräder an.

"Bürger finden das sympathisch"

Baris ist 36 und trägt die eigens dafür geschneiderten Uniform der Ordnungsamt-Fahrradstaffel. Er sei anfänglich skeptisch gewesen. Doch inzwischen sei er nicht nur vier Kilo leichter, sondern sondern auch ein überzeugter Dienstradfahrer. Das Ordnungsamt werde auch auf Fahrrädern ernst genommen.

Baris
Baris, radelnder Ordnungsamt-Mitarbeiter (links), und hr-iNFO-Korrespondent Christian Buttkereit Bild © ARD

"Die meisten Bürger finden das sympathisch. Und wir bekommen mehr von der Umwelt mit als im Auto. Wir erkennen häufiger Probleme, noch bevor es zu Beschwerden kommt. Zum Beispiel bei Autos, die auf Bürgersteigen parken oder Behindertenwege versperren.” Da könnten sie dann direkt eingreifen, sagt Baris. Ein ander Vorteil sei die Geschwindigkeit. Eine Strecke, für die er mit dem Auto zu Stoßzeiten mindestens 15 Minuten brauchte, schaft Baris mit dem Fahrrad in nur 5 Minuten.

Sein Kollege Murat von der Stadtreinigung freut sich über die Extraportion frische Luft und Bewegung: “Morgens radel ich in das Viertel, für dessen Reinigung ich zuständig bin. Dort stelle ich mein Fahrrad ab und fege meine Straßen. Wenn ich fertig bin, schließe ich meinen Besen dort in einen Werkzeugschrank und radel nach Hause."

Murat
Murat von der Stadtreinigung freut sich über die zusätzliche Bewegung durch das Dienstfahrrad. Bild © ARD

20.000 Liter Treibstoff eingespart

Doch die Stadtverwaltung auf Rädern spart nicht nur Zeit. In den ersten sechs Monaten des Projektes zwischen April und Oktober habe die Verwaltung etwa 20.000 Liter Treibstoff im Wert von fast 30.000 €uro gespart, rechnet Bürgermeister Murat Aydin vor. Das entspricht etwa 50 Tonnen C02. İnzwischen dürften es ungefähr 90 Tonnen sein.

Anfangs sei er belächelt worden, sagt Aydin - von den Leuten in Zeytinburnu, aber auch von anderen Bürgermeistern. Inzwischen sei Zeytinburnu ein Vorbild für die Türkei geworden und viele Kollegen würden interessiert nachfragen. “Ich hoffe, dass sich unsere Initiative zuerst über Istanbul und dann über die ganze Türkei verbreitet. So dass in drei bis vier Jahren ein Viertel der türkischen Bevölkerung Fahrrad fährt.”

In Zeytinburnu ist der Anfang gemacht. Jeden Sonntag organisiert die Stadtverwaltung Radtouren für ihre Bürger. Mit jeweils 200 bis 300 Teilnehmern. Stets vorneweg: Bürgermeister Murat Aydin.

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Sendung: hr-iNFO, 27.11.2018, 8:30 Uhr

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