Der Glaziologe Felix Keller will mit seiner Beschneiungsanlage das Abschmelzen des Morteratsch-Gletschers im Engadin hinauszögern.

Wegen des Klimawandels schmelzen die Gletscher in den Alpen im Rekordtempo. Der Schweizer Glaziologe Felix Keller will den drohenden Gletscherschwund mit Hilfe von künstlicher Beschneiung aufhalten. So könne das Abschmelzen immerhin um 30 bis 50 Jahre verzögert werden.

Das ewige Eis in den Alpen ist in Gefahr. Die Erderwärmung sorgt dafür, dass sich die Gletscher auf dem Rückzug befinden. Und das, obwohl es beispielsweise in diesem Winter recht viel Schnee gab, erklärt der Schweizer Gletscherforscher Felix Keller vom Zentrum für angewandte Glaziologie in Samedan: "Wir stehen jetzt auf zweieinhalb Meter Schnee, aber wenn man dann bedenkt, dass hier im Sommer fünf Meter Eis schmilzt, dann relativiert sich das."

An Hitzetagen schmilzt bis zu eine Million Tonnen Eis

Der Glaziologe steht am Morteratsch im Engadin. Der meistbesuchte Gletscher der Schweiz hat eine beindruckende Länge von mehr als sechs Kilometern. Doch vor gut 100 Jahren war er zweieinhalb Kilometer länger. Felix Keller sagt, besonders an heißen Sommertagen gehe es dem Eis an den Kragen: "Der Gletscher insgesamt verliert im Moment pro Jahr etwa 15 Millionen Tonnen Eis. Allein an einem Hitzetag können bis zu eine Million Tonnen Eis schmelzen."

Rund drei Millionen Tonnen Schnee müsste die Pilotanlage pro Jahr produzieren, um den Gletscher zu schützen.

Felix Keller will gegensteuern, indem er den Gletscher künstlich beschneit. Dazu hat er sich ein gigantisches Beschneiungssystem ausgedacht: Quer über den Gletscher will er einen Kilometer lange Seile spannen, daran Wasserleitungen und hunderte Sprühdüsen befestigen. Sie sollen aus Schmelzwasser eines oberhalb gelegenen Gletschers eine Kunstschneedecke erzeugen.

Förderung durch Regierung

"Wir bezeichnen das als eine Art Schmelzwasser-Recycling", erklärt Keller. Das heißt, man behalte das Schmelzwasser oben, das im Sommer massenweise anfalle, und produziere daraus im Winter Schnee, um den Gletscher zuverlässig zu schützen. Gerade hat der Forscher eine Pilotanlage in Betrieb genommen, gefördert unter anderem von der Schweizer Regierung.

Die Technik funktioniert dank der winterlichen Außentemperaturen in 2000 Metern Höhe und dank des durch das Gefälle vom Gletschersee herrschenden Drucks ohne Stromzufuhr. Die Düsen stammen von der Firma Bächler Top Track, die Anlagen für die Beschneiung von Skipisten entwickelt und fertigt.

"Hier an der Anlage sehen wir hinten Wasserdüsen", erklärt Geschäftsführer Claus Dangel das Prinzip. "Da kommen nur Wassertröpfchen raus und weiter vorne haben wir Düsen, aus denen Luftdruck und Wasser gemischt wird, daraus entstehen eine Milliarde Schneekristalle pro Sekunde." Wenn diese mit den Wassertröpfchen zusammentreffen, falle das nach zehn Metern als Schnee zu Boden.

Kritiker bemängeln Eingriff in die Natur

Gletscherforscher Felix Keller sagt, viel Schnee sei nötig, um den Schutz bis zum Sommer zu erhalten: "Es braucht eine etwa zehn bis zwölf Meter hohe Schneedecke. Wenn man das umrechnet, dann sind das rund drei Millionen Tonnen Schnee, die wir jedes Jahr produzieren müssen." Doch wie lässt sich diese Schneemenge am effizientesten erzeugen? Welche Düsengröße braucht es? Welchen Wasserdruck? Welches Wetter? Das sind Fragen, die der Forscher in seinem Versuch beantworten will.

Der Morteratsch ist der meistbesuchte Gletscher der Schweiz und hat eine Länge von mehr als sechs Kilometern.

Kritiker verweisen darauf, dass die Anlage Millionen kostet und zudem einen enormen Eingriff in die Natur darstellt. Auch Felix Keller schmerzt ein "derart massiver Landschaftseingriff". Es gehe jedoch darum, "dass Menschen eine lohnenswerte Zukunft haben, damit sie überhaupt überleben". Denn Millionen seien abhängig von den Gletschern und ihrer Funktion als Süßwasserspeicher - etwa im Himalaya. Dort sieht er eine Einsatzmöglichkeit für seine Technik.

Nicht stoppen, aber verzögern

Motiviert für seinen Gletscherrettungsversuch wird Felix Keller von künftigen Generationen, denn er ist überzeugt davon, "dass unsere Kinder nicht fragen werden, ob wir diesen Gletscherrückzug nicht gesehen haben, sondern sie werden uns eher fragen, was wir getan haben. Und dann möchte ich meinen Kindern sagen, ich habe versucht, einen Beitrag zu leisten".

Durch das Beschneien könnte das Abschmelzen eines Gletschers nicht komplett gestoppt werden, sagt Felix Keller, aber - so kalkuliert er - um 30 bis 50 Jahre verzögert werden.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 12.3.2021, 12 bis 15 Uhr

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