Las Delicias
Las Delicias an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze Bild © hr

Über eine Million Venezolaner sind wegen der schweren Wirtschaftskrise ins Nachbarland Kolumbien geflüchtet – das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit. Wenn die einen auf die anderen treffen, geschieht mitunter Erstaunliches.

Las Delicias ist ein armes Viertel in der Nähe der kolumbianisch-venezolanischen Grenze. Die Häuser sind oft eher Wellblech- oder Holzhütten, die Bewohnerinnen und Bewohner tragen löchrige Klamotten und einen müden Gesichtsausdruck. Die meisten sind Kolumbianer, die der Bürgerkrieg hierher getrieben hat.

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So wie Graciela Fulano: Das lange, dunkle Haar über die linke Schulter gelegt, steht sie schüchtern lächelnd vor ihrer Backsteinhütte. Sie kommt eigentlich aus Caquetá, einer Region im Südwesten des Landes. Dort haben die FARC und andere paramilitärische Gruppen gegen Regierungstruppen gekämpft.

Eine Hütte für neun Gäste

Manchmal seien Soldaten in den kleinen Laden gekommen, in dem sie arbeitete, erzählt Graciela. Sie habe sie bedient, denn sie hätten ja bezahlt. Doch irgendwann kam ein Brief von der FARC: "Ich müsse innerhalb von 15 Tagen das Gebiet verlassen, weil ich die Soldaten bedient habe. Ich durfte nichts mitnehmen, bin nur mit meiner Tochter und meinem Sohn geflohen."

Gracielas Haus in Las Delicias
Gracielas Haus in Las Delicias Bild © hr

Das war vor mehr als zehn Jahren. Jetzt bewohnt Graciela ein Grundstück mit Hütten und Plumpsklo in Las Delicias. Die Räume sind spärlich eingerichtet, im Garten picken zerzauste Hühner im staubigen Boden. Sie lebt am Existenzminimum - und hat trotzdem Menschen bei sich aufgenommen, denen es noch schlechter geht: Geflüchtete aus Venezuela.

Neun Menschen wohnen gerade bei Graciela. Luis ist einer davon: "Man hat uns hier die Tür geöffnet", sagt er. "Dank dieser Menschen konnte ich meine Frau holen, ihre Kinder, Enkelkinder, eine andere Tochter, die ganze Familie. Weil die Situation in Venezuela schlimm ist: das Essen sehr teuer, wir können einfach nicht genug verdienen, um zu überleben." Hier geht es gerade so, Luis hilft Graciela mit Bauarbeiten und Reparaturen und sie gibt ihm etwas Geld.

Graciela und Luis
Graciela und Luis Bild © hr

Entstanden ist diese Solidaritätsgemeinschaft durch einen Zufall: Eine Gruppe Venezolaner hatte das Dorf durchquert und wahllos an einer Tür geklopft, um um etwas zu trinken zu bitten. Sie bekamen nicht nur das, sondern auch ein Dach über dem Kopf. Das sprach sich dann herum unter Venezolanern.

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Irgendwann erfuhr auch der UNHCR davon, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Olga Sarrado ist Referentin dort und war total baff, als sie davon erfuhr: "Sie haben es komplett selbst ins Leben gerufen, es ist eine Gemeinschaftsinitiative. Inzwischen nehmen 27 Familien Venezolaner bei sich auf. Sie nennen sich 'Häuser der Solidarität'." Es gehe den Familien dabei vor allem um eine Art Starthilfe: "Die Venezolaner, die hier ankommen, bleiben ungefähr für zwei oder drei Monate, um in Ruhe anzukommen, Kontakte zu knüpfen. Dabei hilft ihnen auch die Dorfgemeinschaft hier. Dann ziehen sie weiter."

Die venezolanischen Gäste wissen sehr genau, dass ihre Gastgeber selbst am Existenzminimum leben. Andréina sitzt in einem wackeligen Plastikstuhl vor Gracielas Haus, in dem sie mit ihrer Familie ein Zimmer bewohnt, und schaut dankbar zu Graciela herüber: "Es ist doch klar, dass sie ihre eigenen Sorgen hat. Trotzdem hat sie so viel für uns getan, ohne uns überhaupt zu kennen, und dafür bin ich sehr dankbar."

Graciela guckt dann beschämt zur Seite. Sie fühlt sich offensichtlich kein bisschen wie eine Mutter Teresa. Es gehe gar nicht anders, meint sie, wegen ihrer eigenen Geschichte: "Was mit mir passiert ist, war so so schwer. Und es ist genau das, was momentan den Venezolanern passiert, die praktisch aus ihrem Land vertrieben werden. Sie mussten alles verlassen und kommen. Es ist das Gleiche, was ich 2007 durchgemacht habe."

Inzwischen gibt es einen Friedensvertrag zwischen kolumbianischer Regierung und der FARC. Doch allein im vergangenen Jahr kamen laut UNHCR wieder 130.000 neue Binnengeflüchtete hinzu. Las Delicias wird wohl noch länger Zufluchtsort bleiben. Für die alten und die neuen Geflüchteten.

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Hinweis

Die Recherchen unserer Reporterin vor Ort wurden durch die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen ermöglicht.

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