Polizisten bei der Räumung der letzten Baumhäuser

Für die Abholzung im Dannenröder Forst sollen an anderer Stelle Wiesen und Äcker aufgeforstet werden. Doch nicht jeder Eingriff in die Natur lasse sich ausgleichen, meint unser Kommentator. Im Falle der A49 brauche es einen ganz anderen Lückenschluss.

"Mein Freund, der Baum, ist tot" sang einst Alexandra mit ihrer zutiefst melancholischen Stimme. Zum Ende des wehmütigen Songs aus den straßenbauwütigen 60er-Jahren kommt dann doch ein Lichtblick: Vielleicht gibt es einen neuen Baum. Aber wenn auch viele Jahre vergehen, er wird nie mehr derselbe sein.

Neue Bäume gibt es schon für die A 49,  auch wenn man sie noch kaum sieht. Südlich von Stadtallendorf, wo früher ein Acker war, soll in ein paar Jahren der Ersatz-Wald stehen. Mit fünf oder sechs Metern Höhe vielleicht noch etwas kümmerlich, aber immerhin auf einer Fläche von acht Fußballfeldern.

Wer Natur zerstört, muss an anderer Stelle etwas Gutes tun

Wer Natur zerstört, muss an anderer Stelle etwas Gutes tun, so schreiben es die Gesetze vor. Nur was ist denn überhaupt gut genug? Da gibt es viele Fragezeichen. Denn das Ziel müsste sein, die für Klimaschutz und Wasserhaushalt gefährliche Versiegelung der Landschaft aufzuhalten.  

Eigentlich müsste asphaltierte oder zubetonierte Fläche an anderer Stelle entsiegelt und bepflanzt werden, um einen direkten Ausgleich für den neuen Asphalt  zu schaffen. Nur – wer will denn schon seinen Carport oder Steingarten aufreißen und begrünen lassen, damit anderswo das Gegenteil gemacht werden darf? Und welche Gemeinde wäre bereit, die dreispurige Straße auf zwei Spuren zurückzubauen für die neue Autobahn? Und was macht der Landwirt, der seinen Acker verliert, weil da das neue Biotop hinkommt?

Umweltschutz oder zweifelhaftes Tauschgeschäft?

Hier fangen die Probleme an. Das, was geht, ist aus Äckern Biotope zu machen. Mehr nicht. Mit neuen Bäumen und zusätzlichen Benefits zur Qualitätsverbesserung – mit einem Teich und neuen Lebensräumen für Zwergfledermäuse und Rotmilane. Ist das aber noch Umweltschutz oder schon ein zweifelhaftes Tauschgeschäft?

Natur lässt sich nicht einfach kompensieren. Eine alte Eiche ist Lebensraum für tausende Insektenarten. Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich jeder Eingriff ausgleichen lässt. Aber es gibt eben auch Mobilitätsbedürfnisse, die wiegen schwer. Aber: Das, was verloren geht, sollte man nicht unterschätzen! Deswegen braucht die A 49 auch einen ganz anderen Lückenschluss. Nicht nur einen aus Asphalt. Sondern auch einen gedanklichen Lückenschluss zwischen den Widersprüchen zwischen unserer Öko- und der Auto-Realität. Das eine wollen und das andere haben geht nicht.  

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 5.10.2020, 18 bis 20 Uhr

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