Nach dem Tod von George Floyd gab es auch in Chicago Demonstrationen

Das Menschheitsverbrechen der Sklaverei muss endlich als solches benannt werden, fordert unsere Kommentatorin. Sonst könne die Diskriminierung von heute nie ein Ende nehmen.

Wenn die Journalistin Caroline Randall Williams in den Spiegel blickt, sieht sie, dass ihre Hautfarbe ein helles Braun ist, und das, obwohl ihre unmittelbare Familie schwarz ist. Mithilfe von Gentests habe sie dann die Erklärung bekommen: Zu ihren Vorfahren gehören schwarze Frauen, Hausdienerinnen offenbar, und weiße Südstaaten-Männer, die diese Frauen als ihren Besitz betrachtet und vergewaltigt haben. Wie könne sie da, fragte die Journalistin, die Denkmäler dieser Männer ehren?

Ihre Frage führt mitten in den Konflikt, der rund um den Independence Day grell ausgeleuchtet wurde. Ein Teil der amerikanischen Gesellschaft holte unter großem Jubel eine Columbus-Statue vom Sockel und warf sie in den Hafen von Baltimore, eins von vielen Heldendenkmälern, die diese Amerikaner nicht mehr ehren wollen. Im anderen Teil der US-Gesellschaft verbreitete der Präsident Endzeitstimmung. Ein wütender Mob wolle die amerikanische Geschichte auslöschen, mehr noch: ganz Amerika beenden, sagte Donald Trump am Mount Rushmore, zu Füßen der in Stein gehauenen großen Präsidenten.

Alte Diskussion mit neuem Selbstbewusstsein

Es geht also um die Frage, wem die amerikanische Geschichte gehört: denen, die behaupten, der Kontinent sei von tapferen, weißen Siedlern urbar und zum großartigsten Land der Welt gemacht worden? Oder denen, deren Vorfahren ermordet und vertrieben wurden, wie im Fall der indigenen Bevölkerung oder deren Ahnen entführt, entrechtet und ausgebeutet wurden, wie im Fall der Afro-Amerikaner?

Natürlich ist die Diskussion so alt wie die USA selbst. Neu ist aber, dass zum ersten Mal seit langer Zeit ein Präsident gar nicht erst versucht, der Präsident aller Amerikaner zu sein, sondern offen die Seite der Weißen bezieht. Neu ist auch, dass vor allem die Afro-Amerikaner mit großem Selbstbewusstsein in den Streit gehen. Sie sind geeint von der Wut darüber, dass das Coronavirus Menschen dunkler Hautfarbe besonders betrifft und dass das die weiße Bevölkerung offenbar kaltlässt. Sie haben das Entsetzen über Polizeigewalt auf ihrer Seite und sie haben eine neue Generation junger Weißer zu ihrer Unterstützung.

Die große Frage von Recht und Unrecht

Das macht Hoffnung, denn Amerika muss jetzt die große Frage von Recht und Unrecht beantworten. Vor 401 Jahren kamen die ersten versklavten schwarzen Menschen in die USA. Ihre Unterjochung war der Schlüssel zum Aufstieg des Landes. Dieses Menschheitsverbrechen der Sklaverei muss endlich als solches benannt werden. Das moralische Versagen und die wirtschaftliche Bereicherung der weißen Mehrheit müssen ans Licht, sonst kann die Diskriminierung von heute nie ein Ende nehmen.

Im Deutschen haben wir ein Wort dafür: Vergangenheitsbewältigung. Ein schmerzhafter Prozess, der lange dauert. Aber die jungen Amerikaner haben ein Recht, ihn einzufordern, gerade weil der Widerstand so groß sein wird. Donald Trump wird versucht, eine Art Endkampf draus zu machen. Aber der Schwung ist da, gerade jetzt, um zu beweisen, dass die USA tatsächlich das großartigste Land der Welt sind, und zwar für alle.

 Sendung: hr-iNFO Aktuell, 6.7.2020, 12 bis 15 Uhr

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