Dichtes Gedränge an der "Bierstraße" in Palma de Mallorca.

Die Partyzonen Mallorcas und der Nachbarinsel Ibiza sind seit Mittwoch geschlossen. Die Balearen-Regierung hat streng durchgegriffen gegen den ausufernden Sauftourismus. Unverhältnismäßig streng, meint unser Kommentator.

Das soll jetzt kein Plädoyer für den Sauftourismus werden. Überhaupt nicht. Was sich seit Jahren im Sommer an der Playa de Palma und in der Briten-Hochburg Magaluf auf Mallorca abspielt, ist schrecklich. Horden von Menschen benehmen sich regelmäßig daneben, reisen nur zum Krawall-Machen an und rauben den Anwohnern damit den letzten Nerv.

Wenn sich solche Szenen dann auch noch in Zeiten einer Virus-Pandemie wiederholen wie am vergangenen Freitag, das Risiko eines Corona-Ausbruchs einfach mal so in Kauf genommen wird, ist das unerträglich.

Behörden im Interessenkonflikt

Wo war an diesem Abend die Polizei? Nach ihrer eigenen Darstellung an der Playa de Palma und in Magaluf, Beamte hätten dort eingegriffen. Doch offenbar waren es nur wenige Einsatzkräfte, sonst hätte sich die Situation nicht derart zugespitzt. Die Rolle der Polizei ist eines der Grundprobleme seit Jahren in den Partyhochburgen.

Anwohner beklagen, die Beamten würden sich kaum zeigen, wenn es rund um die Bars und Clubs heiß her geht. Es scheint so, als steckten die Behörden in einem Interessenkonflikt: Einerseits müssen sie geltende Regeln durchsetzen, andererseits wollen sie keine Härte den Touristen gegenüber zeigen. Denn sie bringen das Geld auf die Inseln, mit ihnen möchte man es sich nicht verscherzen.

Lieber mehr "Qualitätstouristen"

Doch Tourismusminister Negueruela nimmt genau das nun in Kauf. Er spricht offen von unzivilisierten, asozialen Urlaubern, die die Balearen nicht haben wollten. Es wirkt so, als kämen die Feier-Exzesse vom Freitag dem Minister gerade recht, um ein Argument zu haben, derart aggressiv gegen Partyurlauber zu wettern. Denn seit Jahren betont die Balearen-Regierung schon, dass sie lieber mehr sogenannte "Qualitätstouristen" auf ihren Inseln hätte. Also Reisende mit gut gefülltem Geldbeutel, die sich stets gut benehmen.

Diese Urlauber hätte wahrscheinlich jede Urlaubsregion gerne – doch es gibt nicht genügend von ihnen für alle. Es existieren nun einmal auch Partytouristen. Und Mallorca hat die vergangenen 50 Jahre mit diesem Tourismusmodell gutes Geld verdient. Jetzt zu sagen: "Wir wollen euch nicht mehr, ihr seid unzivilisiert und asozial", ist nicht fair. Denn Partyurlauber ist auch nicht gleich Partyurlauber. Diejenigen, die tatsächlich beim Feiern über die Stränge schlagen, machen nur wenige Prozent der Gesamtzahl der Urlauber aus.

Ein wirtschaftliches Desaster

Die Regionalregierung argumentiert: Man schließe die Partyhochburgen, um einen größeren Virusausbruch zu verhindern und so die Wirtschaft zu schützen, die vom Tourismus abhängt. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn nun stehen die Wirte in den Partyzentren vor dem Ruin. Sie mussten schon die Corona-Zwangspause von drei Monaten durchstehen; jetzt fällt für sie auch noch die langersehnte Hauptsaison ins Wasser, die ohnehin nur kurz ausgefallen wäre. Ein wirtschaftliches Desaster.

Den Balearen mangelt es nicht an Vorschriften, um Saufgelage einzudämmen. In den vergangenen Jahren kamen immer neue Regeln dazu. Doch die Regierung muss sie auch umsetzen. Nötig ist ein entschiedenes Durchgreifen der Polizei, kein totales Aus für Ballermann & Co.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 16.7.2020, 12 bis 15 Uhr

Jetzt im Programm