Ein Fläschchen Corona-Impfstoff von Biontech

Die Impfstrategie der EU wird hart kritisiert. Gelder seien falsch investiert worden, die Verteilung nicht richtig durchdacht. Verständliche Vorwürfe, meint unser Kommentator. Hätte die EU zielgerichteter investiert, wäre es nicht zu Lieferengpässen gekommen.

In diesen Corona-Pandemie-Zeiten wünschten sich viele an der Spitze der EU-Kommission eine Präsidentin, die mit einer Mario-Draghi-Entschlossenheit und Unabhängigkeit auftreten könnte. "Was immer notwendig ist, um den Euro zu retten, werden wir tun. Und es wird genug sein", kündigte der ehemalige Chef der europäischen Zentralbank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise an.

Was immer notwendig ist, um die besonders erfolgversprechenden Impfstoffe zu sichern, werden wir tun. Und es wird im neuen Jahr sofort genügend Impfstoff da sein - einen ähnlichen Erlösungsslogan erhofften sich viele von der Medizinerin und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Weder die Macht noch die Autorität

Doch wer diesen Draghi-Moment in Brüssel herbeisehnt, der überschätzt die Macht der EU-Kommission und ihrer Präsidentin. Und der übersieht, dass auf den Finanzmärkten Psychologie und autoritäres Auftreten eine überragende Rolle spielen können.

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie hingegen leider nicht. Vor allem aber hat die EU-Kommission weder die Macht noch die Autorität für eine Mario-Draghi-Rolle. Sie ist lediglich eine Kompromiss-Schmiede unter dem Aufsichtsrat der Nationalstaaten.

Kein reiner Zufall

Natürlich wurde bereits im Spätsommer deutlich, dass einige Impfstoff-Erfindungen erfolgversprechender waren als andere. Die neuartigen Vakzine von Biontech/Pfizer und von Moderna waren bereits in der fortgeschritten klinischen Prüfung, als der eher klassisch-konzipierte Impfstoff des französischen Sanofi-Konzerns noch am Anfang der klinischen Erprobung stand.

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Zum Artikel Kommentar EU und Impfstoffe: Es braucht die Entschlossenheit eines Mario Draghi

Ursula von der Leyen (CDU), Präsidentin der Europäischen Kommission, spricht auf einer Pressekonferenz im EU-Hauptquartier.
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Trotzdem orderte die EU-Kommission deutlich mehr vom französischen Sanofi-Konzern als vom US-Unternehmen Moderna. Niemand wird allen Ernstes behaupten, dass dies reiner Zufall war und rein gar nichts mit dem französischen Einfluss hinter den Kulissen der Kommission zu tun hat. Und natürlich spielt in osteuropäischen Ländern die Überlegung eine Rolle, ob es dort genügend Kühlketten für den Impfstoff von Biontech/Pfizer gibt.

Bloß niemanden verärgern

Ohne den Einfluss und die Egoismen der Nationalstaaten hätte die EU-Kommission im Spätsommer zielorientierter vorgehen können. Und ihre Finanzmittel auf wenige, besonders erfolgversprechende Projekte konzentrieren können, statt sie möglichst breit zu streuen, um nur ja niemanden zu verärgern.

Aber die EU-Kommission ist eben eine komplizierte Kompromiss-Schmiede. Und kein wendig und unabhängig agierender Impfstoff-Einkäufer. Allerdings sollte sie auch nicht so tun, als wäre sie einer. Von der Macht eines Mario Draghi ist Ursula von der Leyen weit entfernt.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autoren nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 05.01.2021, 06 bis 09 Uhr

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