Leere Ränge im Theater

Während Angestellte und Beamte in der Pandemie vom Staat gepampert werden, werden freischaffende Künstlerinnen und Künstler in die Armut gedrängt. Das ist nicht nur ungerecht, sondern spaltet auch unsere Gesellschaft.

Wozu brauchen wir Kunst und Kultur? Wer sich die halbherzige Politik der vergangenen 18 Monate betrachtet, könnte gut zu dem Schluss kommen, dass Kunst nur Dekor und Kultur unterhaltsamer Zeitvertreib sei. Während der Pandemie wurde die Situation der freischaffenden Künstler so stiefmütterlich behandelt, dass man sich für unsere selbsternannte deutsche Kulturnation eigentlich schämen muss.

Am untersten Ende der Leiter

Gerade in Hessen, aber auch bundesweit braucht es immer wieder Impulse und Proteste von namhaften Künstlerinnen und Kulturschaffenden, um auf ihr unverschuldetes Prekariat aufmerksam zu machen. Ganz nach dem Motto: 'Hättet ihr doch was Anständiges gelernt, bräuchtet ihr jetzt nicht zu betteln.' Freischaffende Künstlerinnen und Künstler wurden genötigt, Hartz IV zu beantragen und neue Jobs zu finden, während Angestellte in Kurzarbeit seit 14 Monaten staatlich subventioniert zu Hause bleiben dürfen. Ist das gerecht? Ganz sicher nicht.

Die Pandemie legt die Ungerechtigkeiten und Verwerfungen der deutschen Arbeitswelt schonungslos offen. Festangestellte und Beamte werden vom Staat gepampert, während Freie und Selbständige in die Armut gedrängt werden. Künstler stehen hier am untersten Ende der Leiter. Aus einer Zweiklassengesellschaft wird gerade eine Drei- und Vierklassengesellschaft gemacht. 

Notjobs als Busfahrer oder Spargelstecher

Schon vor Ausbruch von Corona haben die meisten freien Künstler von der Hand in den Mund gelebt. So lange die Wirtschaft florierte, konnten sie davon überleben. Aber spätestens jetzt zeigt sich, dass wir uns für die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb nie interessiert haben.

Hunderte von Künstlern mussten Notjobs annehmen, als Busfahrer, Spargelstecher oder auf dem Bau. Denn dort wird ganz normal weitergearbeitet, während Theater und Museen schließen, obwohl gerade diese dank Hygieneregeln die sichersten Orte in Deutschland sind. Was soll das? Das zeigt nur einmal mehr: Kultur hat keine Stellenwert in Deutschland.  

Impulse der Kulturschaffenden werden ignoriert

In der vergangenen Woche haben 52 Schauspieler wie Ulrich Tukur oder Jan Josef Liefers mit ihrer Protestaktion #allesdichtmachen einen nationalen Shitstorm ausgelöst. Aber wer sich darüber aufregt, wenn prominente Künstler eine Debatte über den Erfolg von Corona-Maßnahmen erzwingen, sollte sich mindestens genauso über die fehlenden Hilfen für freischaffende Künstler echauffieren.

Denn während wir Unternehmen trotz Pandemie erlauben, einfach weiterzuarbeiten und sich mit der angeblich größten Krise zu arrangieren, werden wichtige Debatten und Impulse der Kulturschaffenden ignoriert und verhindert. Gerade Künstlerinnen und Künstler könnten uns erzählen, was Corona mit uns macht. Ganz offensichtlich: Es spaltet unsere Gesellschaft.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.4.2021, 15 bis 18 Uhr

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