Donald Trump

Für Donald Trump und seine Entourage scheinen die Corona-Regeln nicht zu gelten. Doch genau deshalb werden ihn viele Amerikaner wieder wählen. Dem Land ist das jedoch nicht zu wünschen.

Millionen von Amerikanern haben harte Monate hinter sich – und wahrscheinlich auch noch vor sich. Ich meine gar nicht die Krankheit selbst oder den Verlust des Jobs. Ich meine die ganz normale Corona-Einsamkeit. Sie haben monatelang ihre Eltern oder Kinder nicht gesehen, geschweige denn in den Arm genommen.

Sie haben ihre Freunde nicht eingeladen, ihre Geburtstage und Hochzeiten abgesagt. Sie waren nicht im Kino, im Urlaub, im Konzert. Sie wechseln die Straßenseite, wenn ihnen jemand entgegenkommt und sie atmen, wenn sie das Haus verlassen, durch eine Maske. Und das alles, weil sie sich an die Regeln halten, die ihnen ihre Bürgermeister und Gouverneure auferlegt haben. Zum ihrem Schutz und zum Schutz ihrer Mitmenschen.

Hohn und Verachtung fürs Volk

Der Präsident, seine Familie und seine Entourage haben für all diese Menschen nur Hohn und Verachtung. Sie bringen keine Opfer, für sie gelten diese Regeln nicht, und wenn sie krank werden, haben sie die besten Ärzte der Welt. Sie sind nicht nur kein Vorbild, sie bringen durch ihr Verhalten andere in Gefahr. Es ist erbärmlich.

Beispiele gefällig? Am Wochenende wollte Trump allen Ernstes eine seiner Rallys in Green Bay, Wisconsin, abhalten, wo die Krankenhäuser gerade nicht mehr wissen, wohin mit allen den Covid-Patienten. Vor gut einer Woche der Empfang im Weißen Haus, wo über 100 Menschen meist maskenlos und eng zusammenkamen. Die Präsidentschaftsdebatte, bei der seine Familie demonstrativ die Masken absetzte, obwohl das das anders vereinbart war. Die krude Showeinlage im gepanzerten SUV vor den jubelnden Fans. Und dann Trumps Behauptung, er sei durch die harte Schule von Covid-19 gegangen. Er? Nachdem weit über 200.000 Amerikaner schon gestorben sind?

Nicht gespalten, sondern auseinandergerissen

Ja, sind wir denn hier in Nordkorea? Oder Brasilien oder im Frankreich des 17., 18. Jahrhunderts, wo Völker von den Launen eines einzelnen Machthabers abhängig sind? Und der Regent mit seinem Clan in einer Parallelwelt lebt? Nein, sind wir nicht. Donald Trump ist nach den Regeln der amerikanischen Gesetze gewählt, und es gibt Millionen von Amerikanern, die ihn wieder wählen werden, gerade weil er sich der, wie sie meinen, Covid-Diktatur entgegenstellt. Und wenn er nun auch noch die Krankheit selbst besiegt, wird er für sie endgültig unverwundbar sein.

Zu behaupten, Amerika sei gespalten, trifft es nicht annähernd. Vier Jahre Trump haben dieses Land auseinandergerissen, und Covid-19 hat ihm den Rest gegeben. Die liberalen Amerikaner, gefangen in ihrem Individualismus, haben den Moment verpasst, sich gemeinsam gegen Trump zu wehren. Seine Anhänger feiern die Demontage des Staates und der Institutionen.

Großes Chaos im November

Die Wahl im November, das lässt sich verlässlich sagen, wird ein großes Chaos. Der Wahlsieger wird erst Tage später feststehen, wenn nicht sowieso erst der Supreme Court entscheidet. Angeblich muss es ja immer erst noch schlechter werden, bevor es besser wird. Noch schlechter? Das kann ich diesem Land wirklich nicht wünschen.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 5.10.2020, 15 bis 18 Uhr

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