US-Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen in den Außenbezirken der Stadt Manbij (Syrien)

US-Präsident Trump will offenbar tausende Soldaten aus Syrien und Afghanistan abziehen. Von einer Führungsnation würde man sich ein anderes Verhalten wünschen, meint unser Kommentator.

Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jene, die seit Jahrzehnten den globalen Interventionismus der USA kritisieren, jetzt beinahe darum flehen, dass die Amerikaner bitte doch nicht aus Syrien und Afghanistan abziehen mögen. Als hätte es die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, gegen die Putschbeteiligungen in Lateinamerika und anderswo auf der Welt, die Invasion im Irak, gegen den Eingriff in Jugoslawienkrieg, als hätte es die Ami-Go-Home-Rufe auf den Straßen der Metropolen auf der ganzen Welt, als hätte es den blühenden Antiamerikanismus nicht gegeben.

Viele Tausende Menschen sind bei den US- Interventionen ums Leben gekommen. Und die Legitimation, als Führungsmacht auf der Welt Demokratie und Menschenrechte zu stärken, wurde nicht zuletzt immer wieder durch Äußerungen hochrangiger amerikanischer Politiker selbst - wie zum Beispiel von George F. Kennan - entlarvt als Interventionen, um die Rohstoff- und Absatzmärkte für die USA zu garantieren. 

Jetzt aber, da Trump die US-Soldaten in Syrien und Afghanistan abziehen will, ist das Wehklagen groß - bis tief in linke und liberale Kreise. Indes müsste es inzwischen jedem klar sein, dass Militärinterventionen nichts gebracht haben außer Destabilisierung, Leid und viele Todesopfer und Milliardenschäden. Das hehre Ziel, als Weltpolizist einzugreifen, um den Völkern zu helfen, ist fast jedes Mal ins Gegenteil umgeschlagen.

Europa muss sich aktiver einbringen

Ohne nachhaltiges Konzept sind die USA in viele Länder eingefallen, im Irak-Krieg sogar mit einer großen Lüge. Und ohne Konzept für die Zukunft dieser Länder wollen sie jetzt so schnell wie möglich wieder raus. Beides ist in höchstem Maße ein Affront gegen die, die Konflikte auf friedlichem Wege lösen wollen. Nach einem Abzug der USA aus Syrien und Afghanistan besteht die große Gefahr, dass abermals Chaos - und im schlimmsten Fall wieder ein Krieg zwischen den Regionalmächten - ausbricht.

Indes würde man sich von einer Führungsnation und ihren Verbündeten wünschen, dass die Errichtung von stabilen, im besten Fall friedlichen Verhältnissen Voraussetzung für einen Abzug sein sollte. Jetzt sieht es aber danach aus, als ob das Feuer erst angefacht worden ist, um es dann von anderen löschen zu lassen. Und auf diese Art werden die Brände und die Konflikte weiter schwelen.

Für Europa kann es deshalb nur eine Schlussfolgerung geben: Sich aktiver in die Friedensprozesse einzubringen mit den Mitteln, die die EU am besten beherrscht: Diplomatie, Interessensausgleich, wirtschaftliche Einbindung und Augenmaß. Solange man das aber unterlässt, wird man immer auf die Entscheidungen aus dem Weißen Haus starren und sie, je nachdem: hochjubeln oder verteufeln.

Sendung: hr-iNFO, 21.12.2018, 15:10 Uhr

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