Rund 42 Prozent der Deutschen gelten als Gamer. Und trotzdem leiden viele unter Stigmata - sie seien faul oder potenzielle Amokläufer. Zu unrecht, meint unser Kommentator. Es sei an der Zeit, das Potenzial von Videospielen anzuerkennen und ihren Platz neben anderen Medien zu akzeptieren.

Was für ein Bild haben Sie im Kopf, wenn ich Ihnen sage, dass ich Literat bin? Oder dass meine Leidenschaft die frühen Filme von Jean-Luc Godard sind? Und jetzt überlegen Sie mal, wie sich Ihr Bild von mir ändert, wenn ich sage, dass ich regelmäßig Videospiele konsumiere. Jeden Donnerstagabend schalte ich mich über den Online-Kommunikationsdienst Discord mit meinen Freunden zusammen und gemeinsam spielen wir den Strategie-Klassiker Age of Empires 2. Es hilft mir, durch die Pandemie und die Abschottung zu kommen, und doch werde ich von Außenstehenden dafür belächelt.

Nichts fürs erste Date

Wir haben in Deutschland noch immer ein Problem mit Menschen, die in ihrer Freizeit in ferne, virtuelle Welten aufbrechen. Die Meinungen über sie gehen von faule Nichtsnutze über einsame Kellerkinder bis hin zu potenzielle Amokläufer. Diese Behauptungen stigmatisieren nicht nur eine Vielzahl von Menschen, sondern führen auch an der Realität vorbei. Videospiele haben schon lange nicht mehr nur den Zweck zu unterhalten. Sie dienen der Bildung, der Therapie, der Ästhetik, der Sozialisierung und der Kreativität.

Trotzdem käme ich bei einem ersten Date nicht auf die Idee, über mein Lieblingsvideospiel zu reden, wohl aber über meinen Lieblingsfilm. Trotzdem schauen mich Leute komisch an, wenn ich auf die Frage, was ich am Wochenende gemacht habe, mit "Ich habe Playstation gespielt" antworte. Und weiterhin werden meine Freunde und ich abfällig als "Nerds" beschimpft, wenn wir von unseren Game-Abenden erzählen – während sich die halbe Welt ungeschoren über die neueste Netflix-Serie austauschen darf.

Kein Männerspielzeug mehr

Im Jahr 2020 gelten 34,3 Millionen Menschen in Deutschland laut der Plattform Statista als Gamer*innen – das sind rund 42 Prozent der deutschen Bevölkerung. 15 Prozent davon sind über 60 Jahre, 17 Prozent zwischen 50 und 59 Jahre alt. Schon lange wird die Videospielwelt nicht mehr nur von jungen Computer-Geeks bevölkert. Auch das Klischee des Videospiels als "Männerspielzeug" ist hinfällig - laut dem Branchenverband Game sind 48 Prozent der Gamer Frauen. Und allein durch einen Jahresumsatz von 6,2 Milliarden Euro in Deutschland sind sie ein nicht mehr wegzudenkender Faktor.

Diese Zahlen lassen mich optimistisch werden. Optimistisch darüber, dass sich Videospiele von ihren Stigmata lösen und ihren Platz neben anderen Medien einnehmen werden. Und dass Menschen wie ich sich nicht mehr für ihre Leidenschaft schämen müssen.

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Sendung: hr-iNFO Das Thema, 10.12.2020, 15 bis 18 Uhr

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