Eine Mitarbeiterin des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 am Telefon

Seit Dienstag können in Hessen über 80-Jährige einen Termin zur Corona-Schutzimpfung vereinbaren. Doch das Verfahren hat nicht nur technische Mängel, meint unser Kommentator.

Ich habe in den vergangenen Tagen viel zur Terminvergabe recherchiert und mit vielen Beteiligten gesprochen. Aber am meisten hat mich berührt, was mir heute eine junge Frau aus Gießen erzählt hat. Sie wurde auf der Straße angesprochen, von einer älteren Dame, einer Frau Mitte 80. Die hatte gerade den Brief der Landesregierung bekommen, die Aufforderung, sich einen Impftermin zu besorgen. Aber die alte Dame wusste nicht so recht wie. Sie war hilflos, verzweifelt - so verzweifelt, dass einen wildfremden Menschen um Hilfe bat.

Wenig Einfühlungsvermögen der Landesregierung

Viele kämpfen in Hessen gerade mit der Technik, weil sie einen Impftermin für ihre Eltern, Großeltern oder Nachbarn besorgen wollen. Aber was ist mit denen, die gar keine Kinder, Enkel oder Nachbarn haben, die ihnen helfen? Wir reden von 80-, 90-, 100-Jährigen. Viele von ihnen sind rüstig und meistern alleine den Alltag. Aber mit der Welt der Call-Center und Web-Portale fremdeln viele, und das ist auch ihr gutes Recht, besonders wenn das alles vorne und hinten nicht klappt.

Und das ist, finde ich, nicht nur ein technisches Debakel, sondern auch ein menschliches. Seit Monaten wird den Älteren eingehämmert: Passt ja auf, für euch ist das Virus eine tödliche Gefahr. Und jetzt, da der rettende Impfzug endlich losrattert, können sie erstmal keine Fahrkarte lösen. Das ist demütigend, das tut weh. Und ich finde: Da zeigt die Landesregierung erschreckend wenig Einfühlungsvermögen.

Besser per Post

Aber Jammern bringt nichts. Besser man hilft sich. Was hat zum Beispiel die junge Frau aus Gießen gemacht? Sie hat die alte Dame unterstützt. Aber nicht beim mühseligen Hotline-Verfahren. Sondern sie hat mit ihr zusammen das Formular ausgefüllt, mit dem man ein mobiles Impfteam zu sich nach Haus bestellen kann.

Das ist zwar eigentlich nur für die gedacht, die den Weg zum Impfzentrum nicht mehr schaffen. Aber als Notlösung finde ich es völlig okay, wenn auch mehr oder weniger mobile Menschen das jetzt nutzen. Denn der Weg zum Impftermin ist mit zu hohen Hürden versehen. Aber noch besser wäre es, das Land würde jeder Seniorin, jedem Senior einen Impftermin in der Nähe anbieten – und zwar per Post.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 14.1.2021, 15 bis 18 Uhr

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