Eine Spritze mit Corona-Impfstoff wird aufgezogen

Rund um die Impfstrategie des Bundes gibt es viel Unmut. Doch bei aller Kritik sollte man sich auch vor Augen führen, was bislang erreicht wurde. Und den Finger nicht nur auf die Politik richten.

Es grenzt an ein Wunder, dass noch nicht mal ein Jahr nach Beginn der weltweiten Pandemie ein Impfstoff gegen das Virus entwickelt ist - und wenige Wochen später schon das zweite und das dritte Präparat zur Verfügung stehen für die Immunisierung der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Und: Den Pharmaherstellern ist es gelungen, schon während des Zulassungsverfahrens die großtechnische Herstellung von abermillionen Ampullen auf die Beine zu stellen.

Frust lässt Maßstäbe der Kritik verschwimmen

Das alles muss man nochmal festhalten in diesen Tagen, in denen die Unzufriedenheit über das schleppende Impftempo in Deutschland wächst. Generalstabsmäßig haben die Länder Impfzentren aufgebaut, wahrscheinlich selbst Erwartungen geweckt – und jetzt sind nicht genug Impfdosen da. Natürlich ist das ärgerlich. Ein bisschen kommt es mir aber so vor, als lasse der Frust über den langen Lockdown die Maßstäbe mancher Kritik verschwimmen.

Zum Beispiel der an der Europäischen Kommission: Sie habe zu spät, zu knauserig oder überhaupt die falschen Impfstoffe bestellt bei den Herstellern, sagen viele. Aber wer konnte vorher wissen, welches Präparat wann auf den Markt kommt – und wie gut es wirkt?  Die Pharmakonzerne selber sagen: Mehr Geld hätte auch nicht geholfen. Denn die völlig neuartigen Vakzine sind eben nicht so einfach zu produzieren wie Vitamintabletten.

Es hat auch noch niemand wirklich einen Beleg dafür gebracht, dass ein nationales Beschaffungsprogramm tatsächlich effektiver gewesen wäre. Ein Impfstoff-Wettrennen innerhalb der EU zu veranstalten, wäre blanker Zynismus.

Das wirksamste Mittel haben wir selbst in der Hand

Wir müssen durch den Winter kommen, durch die Zeit, in der wir noch nicht genügend Impfstoff haben – das hat die Bundeskanzlerin gesagt, Anfang Dezember. Ihre Prognose war naturwissenschaftlich präzise. Umso bemerkenswerter, dass Angela Merkel jetzt, nach dem sogenannten Impfgipfel, ihr Versprechen erneuert hat: Bis zum Ende des Sommers sind genügend Dosen da, dass jeder und jede impfwillige Deutsche sich die Anti-Corona-Spritze setzen lassen kann. Sollten im Frühsommer die beiden weiteren Impfstoffe zugelassen werden, geht es womöglich noch ein bisschen schneller.

Wir werden also noch etliche Wochen Geduld brauchen in dieser Pandemie. Natürlich werden uns der Lockdown, die geschlossenen Schulen und Läden und Restaurants und Konzerthallen noch eine ganze Weile weiter zermürben. Aber sicher ist auch: So lange eine Impfung für die meisten eine vage Hoffnung bleibt, haben wir das wirksamste Mittel gegen Corona selbst in der Hand: Kontakte zu vermeiden, wo immer es geht. Das Virus hat keine Beine - wir selber übertragen es von Mensch zu Mensch.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 2.2.2021, 9 bis 12 Uhr

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