Ein Fahrradfahrer legt an Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs Blumen für den getöteten Achtjährigen ab.
Gedenken an Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs für den getöteten Achtjährigen. Bild © hessenschau.de

Die Tat vom Frankfurter Hauptbahnhof hat Deutschland schockiert. Doch schnell geht es nicht mehr nur um Trauer und Anteilnahme: Der Kampf um die Deutungshoheit hat begonnen. Nach welchen Mustern funktioniert die Maschinerie in Medien und Politik?

Es ist Montagmittag, kurz nach 12 Uhr, als die Nachrichtenredaktionen die Eilmeldung erreicht: Ein achtjähriger Junge stirbt, weil er auf die Gleise am Frankfurter Hauptbahnhof gestoßen wird. Ein Tatverdächtiger sei gefasst. Später teilt die Polizei mit, der Mann komme aus Eritrea. Ob das für die Tat eine Rolle spielt, ist unklar. Dennoch – nahezu alle Medien nennen die Herkunft des Mannes in ihren Berichten.

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Polizeiabsperrung am Frankfurter Hauptbahnhof

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Medien und Polizei seien in einer Zwickmühle, sagt der Kommunikationswissenschaftler Christian Schemer von der Universität Mainz in hr-iNFO. Nennen die Medien die Herkunft nicht, gebe es möglicherweise Vorwürfe, sie hielten Informationen zurück. Wird die Herkunft eines Täters genannt, setze man sich dem Vorwurf aus, dass die Information nicht hilfreich sei, so Schemer. "Wenn die Tat aufgeklärt ist, wird das wenig mit der Herkunft des Täters zu tun haben. Das ist vermutlich bei den meisten Taten und Delikten der Fall. Diese Information nutzt in der Regel relativ wenig für die Erklärung eines Tathergangs."  

"Entscheidung Seehofers zweischneidig"

Am Abend nach der Tat berichten alle großen deutschen Medien über den Fall am Frankfurter Hauptbahnhof. Bundesinnenminister Seehofer bricht seinen Urlaub ab, kommt zu einem Krisentreffen mit den Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden zusammen. Eine Debatte über die Sicherheit in Deutschland entsteht.

Professor Christian Schemer
Professor Christian Schemer Bild © Uni Mainz

Kommunikationswissenschaftler Schemer sagt, die Entscheidung des Innenministers sehe er zweischneidig. Einerseits habe Seehofer dazu beigetragen, dass das Thema sachlicher besprochen wird. Doch habe das Treffen gleichzeitig die Relevanz das Falls erhöht: "Es ist ein tragischer Einzelfall gewesen – nicht jeden Tag werden Menschen vor Züge geschubst. Insofern trägt man natürlich auch ein stückweit zur Verunsicherung bei, in dem man als Bundesinnenminister das Thema so hoch hängt."

"Nicht vom Tempo sozialer Medien treiben lassen"

Bei der Berichterstattung spiele auch eine Rolle, ob ein Thema in den sozialen Medien diskutiert wird. "Wenn es einen Kampf um die Deutungshoheit gibt, sind traditionelle Medien gezwungen, auf das Thema zu reagieren, darüber zu berichten und es einzuordnen." Dabei sei die Kommunikation in den sozialen Netzwerken nach Taten wie der von Frankfurt sehr schnell, so Schemer. Das sei typisch. "Wenige Minuten nach so einem Vorfall sind die ersten Meinungsmacher dabei zu erklären, was dort vermeintlich passiert sein soll." 

Traditionelle Nachrichtenmedien brauchten dagegen mehr Zeit, um Informationen zu recherchieren und korrekt wiederzugeben. Wichtig sei es, sich von diesem Tempo nicht treiben zu lassen, sagt Schemer: "Schnellschüsse und Vorverurteilungen sind schneller getroffen als ein fundiertes Urteil, das auch tatsächlich Bestand hat."  Eine optimale Kommunikation gebe es nicht, schlussfolgert der Kommunikationswissenschaftler. Aufgabe der Medien sei es aber, irrigen Meinungen entgegenzutreten. "Das Einzige, was man tun kann, ist, die Dinge einzuordnen."

Weitere Informationen

Das ganze Interview mit Kommunikationswissenschaftler Christian Schemer hören Sie im Podcast zur Sendung hr-iNFO Politik (oben in diesem Artikel).

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Sendung: hr-iNFO Politik, 2.8.2019, 21:35 Uhr

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