Internationale Raumstation (ISS) (Archivbild: 04.10.2018) (picture alliance/dpa/NASA)

Bisher hatte die internationale Kooperation in der Raumfahrt auch in Krisenzeiten immer Bestand. Doch damit ist es jetzt vorbei: Gemeinsame Projekte mit Russland sind abgesagt oder liegen auf Eis. Das sei einschneidend und sehr traurig für die Raumfahrt, sagt Ex-ESA-Chef Jan Wörner.

Jan Wörner ist ehemaliger Generaldirektor der europäischen Raumfahrt-Organisation  ESA. Frage an ihn: Wie einschneidend sind die aktuellen Ereignisse, der Krieg, die Sanktionen für die internationale Raumfahrt - auf einer Skala null (gar nicht) bis zehn (kein Stein bleibt auf dem anderen)? Seine Antwort: "Leider, leider muss ich sagen - ganz dicht an der zehn, sicherlich bei neun."

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Und Wörner sagt auch ganz offen, wie traurig ihn das mache. Zumal er sich mit fast allen Projekten, die gestoppt oder gefährdert sind, persönlich verbunden fühlt. Zum Beispiel das erste europäische Mars-Auto-mit dem Namen "Exomars". Geplanter Start im September, mit einer russichen Rakete. "Sehr unwahrscheinlich", heißt es aktuell bei der ESA.

Russland droht mit Absturz der ISS

Oder die Internationale Raumstation ISS. Aktuell an Bord sind vier US-Amerikaner, zwei Russen und der Deutsche Matthias Mauer. In der Umlaufbahn gehalten wird die ISS von russischen Triebwerken. Prompt drohte der Chef der russischen Raumfahrtorganisation: Man könne die ISS langsam abstürzen lassen. Dann hieß es, man könne das russische Modul abtrennen. An einen Absturz glaubt Wörner nicht. Die Abtrennung sei dagegen prinzipiell möglich.

Und so schaut der ehemialge ESA-Chef Jan Wörner auch mit gemischten Gefühlen auf die aktuellen Sanktionen: Ja, die seien grundsätzlich richtig. Aber sie träfen die Falschen. Eben nicht die Verantwortlichen, sondern Wissenschaftler und Raumfahrer, die diesen Krieg nicht führen würden: "Das ist das, was mich daran so ein bisschen bedrückt, dass wir Sanktionen machen, die vermutlich nötig sind. Aber sie treffen eben viele andere mit. Es gibt Nebeneffekte, und Nebenwirkungen anderer, die getroffen werden, die eigentlich nicht getroffen werden sollten.

Partnerschaften nur noch mit Verbündeten?

Andrea Rotter ist Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik bei der CSU-nahen Hans-Seidel Stiftung. Auch sie sagt, die aktuellen Entwicklungen seien eine Zäsur. Eine Zäsur, in der jetzt vor allem die europäische Raumfahrtpolitik gefordert sei: "Ich glaube tatsächlich, dass das uns nur auf europäischer Ebene bestärkt, dass wir auch in der Hinsicht einfach ein Stück weit autonomer werden müssen beziehungsweise unsere Partnerschaften neu aufstellen müssen mit anderen Ländern."

Aber was heißt das: Partenerschaften nur noch mit Verbündeten, mit Demokratien? Weder machbar noch sinnvoll - sagt dazu Niklas Nienass, Abgeordneter der Grünen im Europaparlament und dort zuständig für Raumfahrt. "Einen Ausschlussgrund aufgrund der Herrschaftsform halte ich für falsch, aber natürlich müssen wir gucken - okay, ich kann mit demokratischen Staaten wesentlich mehr zusammenarbeiten als mit mit Diktaturen. Aber eine gewisse Kooperation, ein gewisser Austausch ist glaube ich gerade in der Raumfahrt auch immer wichtig."

"Erfahrungen haben unsere Träume zerstört"

Schließlich stelle sich auch im Fall Russland die Frage: Wie geht es weiter nach dem Krieg? Ist das Vertrauen nicht auf ewig zerstört - oder zumindest für ein Jahrzehnt? Nicht unbedingt, meint Ex-ESA-Chef Jan Wörner und zieht einen interessanten historischen Vergleich: "Wir aus Deutschland wissen das am allerbesten - es hat nicht zehn Jahre gedauert nach dem Zweiten Weltkrieg, bis man wieder freundlich zusammengearbeitet hat. Also ich glaube, wenn die richtigen Menschen die richtige Ebene finden, dann kann das auch schnell gehen."

Die richtigen Menschen und die richtige Ebene, sicher, das sei im Moment weit weg. Aber, so Wörner zum Schluss: "Die Erfahrungen haben unsere Träume zerstört. Aber hoffen können wir weiter."

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