Kino Zuschauer

Computer können berechnen, ob ein Film zum Kassenhit wird oder nicht: Das verspricht das Start-Up eines gebürtigen Münchners in Hollywood. Es gehört schon jetzt zu den gefragtesten Firmen in der Filmstadt.

Wenn Künstliche Intelligenz in Hollywood eingesetzt wird, dann meist für visuelle Effekte. Jüngstes Beispiel ist Martin Scorseses "The Irishman", KI half dort, die Gesichter von Robert de Niro, Al Pacino oder Joe Peschi zu verjüngen.

Eine Firma in Hollywood setzt aber noch viel früher an - noch bevor überhaupt eine Szene gedreht wurde. Cinelytic berechnet mit Algorithmen und KI die Erfolgswahrscheinlichkeit von Filmen. "Ich war schon überrascht, dass das Thema doch so einen Medienzulauf bekommen hat", sagt Tobias Queisser, Chef und Co-Gründer von Cinelytic in Los Angeles.

"Entscheidungsfindung oft noch 'old school'"

Oft werde das aber sehr verzerrt und ins Sensationelle getrieben, sagt er mit Blick auf jüngste Berichte über sein Start-Up. In denen hatte es oft geheißen, Technologie seiner Firma entscheide künftig, welche Filme produziert werden würden und nicht mehr der Mensch. Das sei natürlich Quatsch, so der gebürtige Münchner.

Tobias Queisser

Queisser hat Cinelytic erst in London gegründet und ist vor drei Jahren nach Los Angeles gezogen. Der 39-jährige ehemalige Investmentbanker hat früher selbst Filme produziert und dabei gemerkt, "wie die Entscheidungsfindung auf der geschäftlichen Ebene im Vergleich zu anderen Industrien noch sehr 'old school' ist. Technologie kommt dort noch nicht so stark zum Einsatz. Daten und Informationen innerhalb der Branche werden oft nicht genutzt." 

Software berechnet Wahrscheinlichkeiten

Genau das will sein 15 köpfiges Start-Up ändern. Die Entwickler haben eine Online-Anwendung gebaut, die viele Dutzend Quellen anzapft und hunderte Parameter berücksichtigt, die bei einer oft viele Millionen teuren Filmproduktion beachtet werden müssen. So berechnet die Software Wahrscheinlichkeiten: Wie wirkt sich zum Beispiel die Besetzung eines Films mit bestimmten Schauspielern auf die Produktionskosten aus, wie sieht die Erfolgsbilanz des angedachten Regisseurs aus, wie Populär ist das Genre?

"Wir haben zig Daten über Schauspieler, wir haben Social Media Daten natürlich. Im Endeffekt bringen wir sehr viele Datensätze zusammen", so Queisser. "Wir schauen uns sehr viele Daten an und die fließen automatisch in unser System ein. Und darin haben wir den Arbeitsfluss eines Filmproduzenten nachgebaut."

Große Studios haben angebissen

Mit Hilfe der Technologie seiner Firma könnten so schneller Entscheidungen getroffen werden, sagt Queisser. Aber vor allem könne es kleinen wie großen Filmproduktionen helfen, das finanzielle Risiko einer Produktion einzuschränken. Queisser legt Wert darauf, dass auch viele kleine, unabhängige Filmproduktion die Technologie schon nutzen. Dort sei der finanzielle Spielraum oft viel enger.

Auf der geschäftlichen Seite mache es keinen Sinn, wenn man fast ausschließlich auf sein Bauchgefühl vertraue. Die Entscheidungsfindung sollte bei 50 bis 60 Prozent Bauchgefühl liegen und zu 40 Prozent aus Daten bestehen, meint Queisser. "Das gute an Daten ist: Sie zeigen einem ein objektives Bild, was zum Beispiel in der Vergangenheit gut funktioniert hat. Auf dieses Modell aufbauend, muss man auch schauen, wie ein Film auch wieder Geld einbringt." 

Cinelytic gehört zurzeit zu den gefragtesten Firmen in der Filmbranche von Hollywood. Nach Sony Pictures hat erst vor ein paar Wochen auch eines der großen Studios, Warner Brothers, einen Vertrag mit dem Start-up unterzeichnet.

hr-iNFO Aktuell, 6.2.2020, 12 bis 15 Uhr

Jetzt im Programm