Kurt Schäfer

Als Teenager musste Kurt Schäfer im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Das Zusammenwachsen Europas sieht er deshalb als wichtigste Errungenschaft für den Erhalt des Friedens.

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Kurt Schäfer hat es sich in seinem Lieblingssessel bequem gemacht. Aus dem Wohnzimmer seiner 2-Zimmerwohnung im siebten Stock in Frankfurt Bornheim hat er einen schönen Blick auf die Skyline. Er erinnert sich, wie das Stadtbild früher ausgesehen hat – nach Ende des Zweiten Weltkriegs. "Wir konnten von unserem Zimmer über eine Wüste von Trümmern gucken, bis zum jüdischen Friedhof", erzählt der heute 93-Jährige.

Kurt Schäfer ist Jahrgang 1926 - 1943 wurde er eingezogen, stand als Flakhelfer in Frankfurt-Niederrad am Abwehrgeschütz. 1945 geriet er auf Istrien in die Gefangenschaft der jugoslawischen Partisanen-Armee. "Wir waren zum Schluss zu dritt. Die anderen beiden sind vor meinen Augen gefallen und ich bin gefangen genommen worden", erzählt Schäfer. "Unsere Tätigkeit als Soldat bestand aus Angst, denn uns wurde indoktriniert: Wenn ihr den Partisanen in die Hände fallt, dann werdet ihr einen Kopf kürzer gemacht. Da hat man dann auch geschossen und gekämpft."

"Ich bin ein emotionaler Europäer"

Doch Schäfer überlebte, kam Ende 1946 frei und zurück nach Frankfurt. "Mein ganzes Leben kann unter dem Titel zusammengefasst werden: Glück gehabt. Trotz Zweitem Weltkrieg, trotz persönlicher Verluste - ich habe immer noch die Nase oben halten können und darüber bin ich sehr froh." Nach dem Krieg machte Kurt Schäfer sein Abitur, wurde Geschichtslehrer und schließlich Direktor einer Integrierten Gesamtschule im Kreis Hanau. Nachdem er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde, arbeitete er noch 30 Jahre lang ehrenamtlich im Frankfurter Stadtarchiv.

Mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau ist er viel durch Europa gereist. Besonders mit Frankreich verbindet ihn emotional sehr viel. Er war dabei, als Frankfurt und Lyon Partnerstädte wurden, hat den Austausch und die Treffen zum Teil mit organisiert. Auch das Zusammenwachsen der Europäer hat er jahrzehntelang miterlebt, gewollt und vorangetrieben. "Ich bin ein sehr emotionaler Europäer, weil für mich der Franzose und der Italiener und der Grieche genauso Menschen sind wie ich", sagt er. Als er mit seiner Frau um die Jahrtausendwende entlang der deutsch-französischen Grenze ging, wurde ihm dieses neue Europa sehr bewusst. "Wir haben die Grenze teilweise nicht mehr gefunden", erinnert er sich. "Ich fand keinen Unterschied mehr zwischen Rheinland-Pfalz und Lothringen oder Elsass." Das sei für ihn ein "Grunderlebnis" gewesen. 

"Nationalistisches Denken kann keine Vorteile haben"

Als Kind sei er deutsch erzogen worden, zwangsläufig beeinflusst durch den Nationalsozialismus. "Wenn jemand sagt, dem konnte man sich entziehen, dann ist das eine überhebliche Meinung", sagt Schäfer. "Das war fast nicht möglich, denn auch der Jugendliche will ja wie seine anderen Klassenkameraden auch dabei sein. Und so kam man dann unbewusst in die nationalsozialistische Ideologie hinein." Allerdings sei sein Vater "von der linken Seite" gewesen, daher habe die Familie immer den "Feindsender" gehört. Außerdem habe er als Kind die Verfolgung der Juden und die Misshandlung "politisch Missliebiger" auf der Straße selbst miterlebt. Das habe er schon damals als ungerecht empfunden. "Wir wussten Bescheid", sagt Schäfer.

Diese Erfahrungen haben ihn in gewisser Weise bis heute geprägt. Er ist sich sicher: "Nationalistisches Denken kann keine Vorteile haben. Das hat die Nazizeit bewiesen, dass dieser Vorteil des nationalistischen Denkens auch vom Ausland nie akzeptiert worden ist". Er könne eine gewisse "Ausländerphobie" zwar verstehen, "aber ich kann sie nicht billigen". Man müsse akzeptieren, dass es Unterschiede gebe, dass einem manche Menschen näher seien als andere, dennoch könne man voneinander lernen. Außerdem, so Schäfer, sei ein 'Wir schaffen das alleine' aus rein wirtschaftlicher Perspektive nicht mehr möglich. Dafür sei Deutschland viel zu sehr mit anderen Staaten verbunden.

Eine Besinnung auf Grundwerte Europas

Natürlich gibt es für Kurt Schäfer auch Kritik an der EU - zum Beispiel, dass sie sich zu schnell erweitert habe, ohne dass die entsprechenden Staaten dazu bereit gewesen wären. Doch ihm fallen auch gute Argumente für einen Zusammenhalt europäischer Staaten ein: "Die Besinnung auf Grundwerte, die in Europa entscheidend sind. Man kann das an drei Städten festmachen: Rom, Athen und Jerusalem - also Christentum, Kultur und Politik".

Nationalistische Bestrebungen sieht Kurt Schäfer als Gefahr für diese gemeinsamen Werte. Die sinkende Wahlbeteiligung bei den Europawahlen – auch in Deutschland – sei ein Zeichen dieser Tendenzen. "Die Mehrheit der Deutschen hat sich zu sehr zurückgezogen auf ein 'Jetzt sind wir wieder wer'", sagt er. "Das war eine politische Überheblichkeit, die vom Wirtschaftlichen her für sie begründet war." Eine weit verbreitete Meinung sei: "Wir müssen die ja nur mit ernähren. Wir waren die Wirtschaftskönige, wir waren die politischen Könige, die anderen Nationen haben auf uns gehört".

"Krieg war früher Machtpolitik – das kann es heute nicht mehr sein"

Der 93-Jährige befürchtet, dass rund 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nationalistische Ideen wieder stärker aufkommen und zu einer Politik führen könnten, die Europa wieder auseinanderbringt. Dass wieder mit der Angst vor den Anderen Politik gemacht wird. In einigen Ländern sei diese Entwicklung bereits weit vorangeschritten. Zum Beispiel in Ungarn, Polen oder auch Italien sieht Schäfer die Grundwerte, wie er sie nennt, durch politische Umstrukturierungen und durch Einschränkungen von Justiz und Presse stark gefährdet. "Das sind faschistische Tendenzen, die mich sehr stark an die Nazizeit erinnern", sagt Schäfer.    

Doch Angst vor einem neuen Krieg hat er dennoch nicht. "In Europa haben wir seit '45 keinen Krieg mehr gehabt. Krieg war früher Machtpolitik – das kann es heute nicht mehr sein." Der jungen europäischen Generation empfiehlt er deshalb, Sprachen zu lernen, zu reisen, andere Kulturen kennenzulernen und sich für die Umwelt einzusetzen - das sei der wichtigste Kampf von heute.

Sendung: hr-iNFO, 17.5.19, 06:10 Uhr

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