Peter Kyritz war über die Sparkasse von der Pleite der Lehman Brothers betroffen
Peter Kyritz war über die Sparkasse von der Pleite der Lehman Brothers betroffen Bild © Peter Kyritz

Zehn Jahre nach der Pleite der Lehman-Brothers stellen wir Ihnen Menschen vor, die damals alles hautnah miterlebt haben. Heute: der Frankfurter Peter Kyritz, der Geld in Lehman-Zertifikaten angelegt hatte und plötzlich mit leeren Händen dastand.

15. September 2008: Die Nachrichten melden, dass die Lehman Brothers pleite sind. Als der Frankfurter Peter Kyritz das hört, ist er gerade dabei, das Zimmer seiner Tochter zu streichen. "Ich hab‘ das zur Kenntnis genommen", sagt er, "und hab‘ noch so gedacht: Zum Glück haben wir sowas nicht".

Vier Tage später klingelt das Telefon. Die Frankfurter Sparkasse ruft an. Er möge bitte mal bei der Bank vorbeikommen, mit seinem Depot sei etwas nicht in Ordnung. "Und wie wir da waren, haben sie gesagt: Lehman ist pleite, ihr habt Lehman, das Geld ist weg", erzählt Kyritz. "Und es war noch nicht mal mein Geld, es war das Geld meiner Tochter."

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8000 Euro, gespart von der der Uroma für die Urenkel. Das Geld sollte auch für den Führerschein von Kyritz‘ ältester Tochter Sarah sein. Der Berater der Frankfurter Sparkasse hatte ihnen damals das  "Dax-Bonuszertifikat" für diese 8000 Euro auf dem Sparkonto empfohlen. "Ich hatte erst mal sehr viel Zorn", sagt Peter Kyritz. "Dann war auch so ein Stück Ungläubigkeit: Wie kann sowas passieren? Mein erstes Konto bei der Frankfurter Sparkasse habe ich 1974 eröffnet. Wie können die das mit mir machen?! Das war immer die Bank der kleinen Leute. Da war ich zutiefst enttäuscht und zornig und hab mir gedacht: Na wartet, Freunde, dass lass ich mir nicht gefallen."

Die Altersvorsorge, das Geld fürs Altersheim: alles weg

Und der Frankfurter Chemie-Ingenieur lässt sich das auch nicht gefallen. Er recherchiert umfangreich, fragt bei Anwälten nach, ein Lehman-Stammtisch entsteht. Regelmäßig treffen sich 80 bis 90 Lehman-Geprellte in einem Frankfurter Bürgerhaus, insgesamt 300 Leute gehören dazu. Der dreifache Vater Peter Kyritz  ist mit seinen 51 Jahren einer der Jüngsten - und hat mit 8000 Euro die kleinste Summe. Die bekommt er übrigens tatsächlich später zurück - zum Teil von der Frankfurter Sparkasse, zum Teil vom Lehman-Insolvenzverwalter aus New York.

Viele Rentner sind am Stammtisch dabei. Sie sind verzweifelt: ihre Altersvorsorge, das Geld fürs Altersheim, alles weg. Manchmal 100.000 Euro. Bei ihren Treffen fangen sie sich gegenseitig auf, unterstützen sich, planen Protest-Aktionen, demonstrieren vor den Bank-Filialen, organisieren Straßen-Theater, schließen sich bundesweit mit anderen Lehman-Geschädigten zusammen, demonstrieren auch in Straßburg vor der Citibank.

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"Ich denke, letztendlich hat es dazu geführt, dass die Frankfurter Sparkasse großflächige Angebote gemacht hat", sagt Kyritz. "Sie hat ja dann fast alle mehr oder weniger entschädigt. Wenn auch nur zu 50 oder 35 Prozent. Aber das hat was geholfen." Kunden von  anderen Banken haben mitunter keinen Cent gesehen von ihrem Geld.

"Es lohnt sich, auf die Straße zu gehen"

Zwei Dinge hat die Lehman-Pleite Peter Kyritz gelehrt. Erstens hat sich seine Einstellung zu Banken verändert. Er hat zwar noch ein Tagegeldkonto bei einer Bank, doch mehr anlegen will er nicht. "Alles, was mehr als ein Prozent bringt, ist eine Risikoanlage derzeit“, sagt er. "Und die rufen mich immer wieder an. Und ich sage: Ja, das bleibt da aber liegen. Wenn Sie nochmal anrufen, dann geh ich das holen, steck‘s in ein Reagenzglas und verbuddel‘s im Aquarium im Kies. Dann habt ihrs nicht mehr. Ich will nicht, dass ihr mit meinem Geld arbeitet.“

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Und sein zweites Fazit aus der Lehman-Pleite gibt er seinen drei Kindern weiter: "Man kann sich wehren und man hat Erfolg. Jugendliche zwischen 17 und 25 sind ja so politisch wie ein Backstein, die interessieren sich für nix außer für Displays. Aber ich sage ihnen: Es lohnt sich, auf die Straße zu gehen und die Meinung zu sagen. Auch wenn man mal Prügel dafür kriegt."

Sendung: hr-iNFO, 10.9.18, 06:10 Uhr

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