Demonstranten halten ein Banner hoch, auf dem steht: "Somos Rastro, somos Madrid"

"El Rastro" ist nicht nur der bekannteste, sondern mit über 300 Jahren auch der älteste Flohmarkt von Madrid. Doch seit einem halben Jahr ist "El Rastro" geschlossen - wegen Corona. Das bringt viele Händler in Existenznöte.

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"Der Rastro steht nicht zum Verkauf, der Rastro verteidigt sich", rufen sie: etwa 100 Händler, Anwohner und Fans des Traditions-Flohmarkts, die sich im Zentrum von Madrid versammelt haben. Zwei Mal pro Woche starten sie hier eine Protestaktion, halten Plakate hoch mit Sätzen wie "Wir retten 'El Rastro'" oder "Die Schließung bedeutet Elend für 1.000 Familien". Zum Beispiel für die von Conchi Hernández. Sie verkauft normalerweise Lederwaren auf dem Markt. Jetzt trägt sie einen Mundschutz mit dem Schriftzug "Rastro = Kultur".

"Die Schließung ist sehr hart für uns. Wir allen haben Schulden, wir müssen Hypotheken abbezahlen, die Miete aufbringen für die Lagerräume, in denen unsere Waren untergebracht sind. Man nimmt uns gerade die Möglichkeit zu leben. Unser Leben ist quasi angehalten worden", erklärt Hernández.

Conchis Leben ist "El Rastro": Sie hat 32 Jahre lang ihren Stand auf dem Markt aufgebaut, der sich sonntagsmorgens auf mehrere Straßen und Plätzes des Viertels "La Latina" ausbreitete. Einer der größten Flohmärkte Europas mit rund 1.000 Händlern. Kunsthandwerk, Kleidung, Küchenartikel, Schallplatten und auch Haustiere suchten hier neue Besitzer.

Zehntausende Einheimische und Touristen schoben sich jede Woche an den Ständen vorbei. Dass das in Corona-Zeiten so nicht möglich ist, wissen die Händler natürlich. Sie haben deshalb ein Konzept erarbeitet, wie man den Betrieb fortsetzen und die Corona-Hygieneregeln auf diesem Open-Air-Markt einhalten kann. "Unser Vorschlag taugt etwas, ein Experte für Sicherheitsfragen hat ihn geprüft. Doch das Rathaus lehnt den Plan ab. Der Bürgermeister hat uns einen eigenen Vorschlag unterbreitet, aber nur mündlich, wir haben nichts auf Papier, keine Details. Auf unsere Fragen antwortet niemand im Rathaus. Alles hängt in der Luft", sagt Mayka Torralbo, Sprecherin einer Händler-Vereinigung

Der Vorwurf der Rastro-Händler: Die Stadtregierung wolle den Traditionsmarkt schon lange loswerden. Das Trödel-Image und das alternative Publikum passten dem konservativen Bürgermeister nicht. Er nutze die Corona-Pandemie nun als Scheinargument, um den Markt verschwinden zu lassen. "Gentrifizierung" sei das Stichwort, so Händler-Sprecherin Mayka. Doch das Rathaus wehrt sich gegen de Vorwurf. "Wir haben schon mehrmals klargestellt, dass der Markt nach der Pandemie so weitermachen kann wie bisher. Wir müssen jetzt eine Lösung finden, wie 'El Rastro' die Hygieneauflagen erfüllt und dann wieder geöffnet werden kann", sagt Stadtrat José Fernández.

Die Stadt möchte, dass die Zahl der Rastro-Stände um die Hälfte reduziert wird. Und dass sie mit mehr Abstand voneinander aufgebaut und weitere Straßen und Plätze mit eingebunden werden. Aus Sicht der Händler würde "El Rastro" dann auseinandergerissen und mehrere kleine Märkte entstehen. Die Seele des Traditionsmarktes gehe verloren, so die Befürchtung. "'El Rastro' ist ein Kulturgut. Das kannst Du nicht einfach zerstückeln. Man würde die Händler separieren, die Nachbarn, die Bars, das ist doch alles Leben. Wenn sie 'El Rastro' in Stücke zerteilen, töten sie ihn", so Händlerin Conchi Hernández. 

Den Tod von "El Rastro" wollen die Händler in keinem Fall hinnehmen. Sie wollen so lange im Zentrum von Madrid protestieren, bis eine Lösung gefunden ist. Doch die Entwicklung der Corona-Pandemie, die rasant steigenden Fallzahlen in Madrid, verschlechtern die Chancen zusehends, den Markt möglichst originalgetreu wieder zu eröffnen. Das Virus könnte der größere Gegner von "El Rastro" sein als die Stadt Madrid.

Sendung: hr-info Aktuell, 21.09.2020, 12-15 Uhr

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