Intersexualität: Die Wahl des dritten Geschlechts

Menschen, die sich weder als männlich noch als weiblich bezeichnen, können seit Januar als Geschlecht divers ins Geburtenregister eintragen lassen. Ein kleines Kreuzchen mit großen, gesellschaftspolitischen Folgen – für Sprache,  Arbeitswelt und unser Denken.

Früher hießen sie Hermaphroditen oder Zwitter – Namen, die heute nicht mehr verwendet werden. Stattdessen nennt man Menschen, die weder eindeutig Mann noch eindeutig Frau sind, intergeschlechtlich. Wie viele das in Deutschland sind, darüber gehen die Schätzungen weit auseinander: von 100.000 bis 180.000  Menschen ist die Rede. Das liegt auch daran, dass es schwer zu definieren ist, wer eigentlich genau intersexuell ist.

Der Gesetzgeber versteht darunter Menschen, deren biologische Merkmale weder eindeutig männlich noch weiblich sind. Der Bundesverband Intersexueller Menschen e.V. sagt dazu: 

„Es handelt sich also um Menschen, deren geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen, der Hormonproduktion und der Körperform nicht nur männlich oder nur weiblich ausgeprägt ist, sondern scheinbar eine Mischung darstellt.“

"Gesetz geht nicht weit genug"

Der Gesetzgeber hat mit der Einführung des dritten Geschlechts die Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt. Geklagt hatte die Person Vanja und die Richter und Richterinnen in Karlsruhe haben ihr Recht gegeben. Neben männlich und weiblich muss eine dritte Eintragung möglich sein, denn sonst wäre es nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.  

Unterstützt wurde die Klage von der Interessensgruppe "Die dritte Option". Ihr Sprecher Moritz Prasse meint, diese Entscheidung sei eine "Riesen-Freude gewesen und ein Schritt nach vorne, jetzt legal einen weiteren Geschlechtseintrag zu haben."  Das Gesetz gehe allerdings nicht weit genug, weil es nicht alle Menschen, die nicht weiblich oder männlich sind, umfasse: "Ausgeschlossen sind alle Menschen, die keine ärztliche Diagnose darüber haben, dass ihr Körper nicht den Normen von männlich und weiblich entspricht."

Kein Operationsverbot an Neugeborenen

Außerdem gibt es nach wie vor kein Operationsverbot an Neugeboren oder Kindern. Viele Eltern würden nach wie vor auf Rat der Ärzte ihr Kind, wenn es keine eindeutigen Geschlechtsteile hat, umoperieren lassen. Die Konsequenz einer solchen Operation: lebenslange physische und psychische Probleme.

Das beschreibt auch Sandrao. Sandrao kam als intersexuelles Kind zur Welt und wurde zu einem Mädchen umoperiert und so sozialisiert, war also lange Sandra. Wohlgefühlt hat er/sie sich damit nie. „Als ich erfahren habe, ich bin intersexuell, war das eine Art Befreiung, weil ich endlich wusste: ‚Hey, mein Gefühl, dass ich nicht weiblich und nicht männlich bin, war nie falsch, sondern das ist jetzt so!‘“ Für ihn/sie ist es deswegen ganz wichtig, Eltern schon früh aufzuklären.

Toiletten, Sport und Stellenanzeigen

Neben dem Standesamt gibt es noch zahlreiche andere Situationen, in denen eine Entscheidung zwischen männlich und weiblich  getroffen werden muss:  zum Beispiel wenn man ein Hotel buchen möchte oder bei der Wahl öffentlicher Toiletten, im Sport, und, und, und.

Mit diesen Folgen beschäftigt sich die Frankfurter Anwältin Friederkie Boll. Sie vertritt einige Menschen bei ihrem Kampf um die Anerkennung ihres Personenstands divers. "Das hat auch Auswirkungen auf das Antidiskriminierungsrecht, zum Beispiel bei Stellenausschreibungen, die haben jetzt schon oft das D dahinter für divers."

Inwieweit muss sich Sprache anpassen?

Letztendlich stellt sich auch die Frage, inwieweit die Sprache sich hier anpassen muss. Wie das funktionieren könnte, hat die Stadt Hannover vor gemacht. Seit Anfang des Jahres gibt es dort eine Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache mit konkreten Beispielen. Da heißt es dann  „Redepult" statt "Rednerpult", "Auskunft gibt" statt "Ansprechpartner" und "niemand" statt "keiner". Und die Bürger werden nicht mehr mit Herr oder Frau sondern mit Vorname und Nachname angeredet.

Auch Schweden hat eine Vorreiterrolle: Hier hat man bereits seit einigen Jahren neben den Pronomen „han“ für er und „hon“ für sie noch das dritte Pronomen „hen“ eingeführt.

Blick in andere Kulturen lohnt sich

Überhaupt lohnt sich bei diesem Thema ein Blick in die Welt, denn Menschen unterschiedlicher Kulturen und Zeiten haben die Frage nach der Anzahl der Geschlechter schon immer unterschiedlich beantwortet. Häufig lautete die Antwort: mehr als zwei. So etwa in Indien, Bangladesch und Pakistan, Australien, Neuseeland, Argentinien, USA, Kanada oder Malta.

Auch wenn der große Andrang bei den Standesämtern in Hessen bislang ausgeblieben ist – in  Frankfurt gab es seit Jahresbeginn zehn, in Wiesbaden, Offenbach und Darmstadt keine Anträge auf eine Änderung im Personenstand: Es geht darum, die Vielfalt menschlichen Daseins zu akzeptieren. Die Gesetzesänderung kann dafür nur ein Anfang sein.

Sendung: hr-iNFO, 24.01.2019, 20:35 Uhr

Jetzt im Programm