Opfer des Drogenkriegs in Mexiko liegen in Leichensäcken in einer Reihe

Mexikos Leichenhäuser sind überfüllt. Die Toten müssen teilweise auf Lkw gekühlt werden, Anwohner beschweren sich über Leichengeruch, Gerichtsmediziner sind überfordert. Jetzt sollen deutsche Forensiker helfen.

 

Mehr als 300 Leichen sind in eine der Kühlhallen des gerichtsmedizinischen Instituts von Guadalajara gestopft: In Säcke, manche davon ganz klein, weil sie nur einzelne Körperteile enthalten. Es sind zerstückelte Mordopfer, manche halb verwest, aus Massengräbern geborgen. Das Grauen der Gewalt Mexikos liegt aufgeschichtet in fünfstöckigen Regalen.

Der deutsche Forensiker Christoph Birngruber, der jetzt hier arbeiten soll, bewahrt professionellen Abstand und konzentriert sich bei dem Anblick auf die Unterschiede zu Deutschland: "Wir haben einzelne Kühlfächer und in jedem Fach eine Leiche. Und dass mehrere hundert Leichen in einem Kühlraum liegen, ist doch eher die Ausnahme."

Die Bundesregierung hat den 37-Jährigen und eine Kollegin für ein halbes Jahr nach Guadalajara im Bundesstaat Jalisco geschickt. Die einheimischen Forensiker können die Leichenmassen nicht mehr bewältigen. 600 nicht identifizierte Tote liegen hier, täglich kommen bis zu 15 hinzu – das sind mehr als untersucht werden können. Personal und Technik fehlen. Sogar Kühlung gab es vor einem Jahr nicht mehr.

Anwohner beschwerten sich über Leichengeruch

Deshalb lagerte der damalige Direktor des Instituts hunderte Tote einfach in Kühl-Lkw aus. Die fuhren so lange durch die Stadt, bis sich Anwohner über Leichengeruch beschwerten. Der Skandal, der die ganze Nation schockierte, zwang die Politik zum Handeln. Das Institut erhielt eine etwas bessere Ausstattung und nimmt die Hilfe der Fachkräfte aus Deutschland an.

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Angesichts der unfassbaren Zahlen von 36.000 Morden im vergangenen Jahr und mehr als 40.000 Verschwundenen wollte Christoph Birngruber in Mexiko helfen. Er habe aber vermieden, sich Ziele zu stecken - weil die Situation nicht vorhersehbar gewesen und mit deutschen Verhältnissen nicht zu vergleichen sei. "Wir wären glücklich, wenn wir ein paar Familien ihre Angehörigen zurückgeben könnten." Letztlich zähle jeder Fall: "Hinter jedem Fall steht ein Verstorbener, der nicht identifiziert ist und eine Familie, die nicht trauern kann, weil sie keine Gewissheit hat", so der Forensiker.

Straflosigkeit bei 98 Prozent

Birngruber hat sich auf die Identifizierung unbekannter Toter spezialisiert. Die ist schwieriger geworden, weil die Täter ihre Opfer immer häufiger in Massengräbern verscharren. Schon 29 solcher Gräber wurden in diesem Jahr in Jalisco entdeckt. Nach dem letzten Fund kamen 119 Plastiktüten mit Leichenteilen im gerichtsmedizinischen Institut an. Das überfordert die Einrichtung, da jedes Teil zweifelsfrei zugeordnet werden muss.

Hier sollen die Forensiker aus Deutschland ihr Wissen einsetzen und weitergeben. Anlässlich ihres Arbeitsbeginns hat die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler die Gerichtsmedizin besichtigt: Die Unterstützung aus dem Ausland sei wichtig für die Menschen, die dort arbeiten, weil sie "sonst auf verlorenem Posten stehen. Dass man Daten erhebt, dass man Ermittlungen durchführen kann, ist eigentlich die Basis für einen Rechtsstaat. Und an dem mangelt es in Mexiko leider", so Kofler.

Die Arbeit der Forensiker sei die Basis dafür, dass "irgendwann ordentliche Gerichtsurteile gefällt werden können und damit ordentliche Ermittlungstätigkeit durchgeführt werden kann." Nur so könne man die Straflosigkeit in Mexiko angehen und bekämpfen. "Ich finde, es ist unsere Verpflichtung, wenn wir helfen können, auch zu helfen." Solange Täter ungeschoren davon kommen, so wie in Mexiko, wo die Straflosigkeit bei etwa 98 Prozent liegt, kann es kein Ende der Gewalt geben.

 

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