Flüchtling Abdullah (Syrien) in der Weberei Langheinrich
Flüchtling Abdullah (Syrien) in der Weberei Langheinrich Bild © hr

Jeder vierte Flüchtling arbeitet - aber warum klappt es nicht bei der Mehrheit? Eine osthessische Weberei zeigt, wie sie es trotz Hindernissen ermöglicht und von der Zuwanderung profitiert.

Jeder vierte Flüchtling hat mittlerweile Arbeit. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Im Umkehrschluss heißt das: rund 75 Prozent der Flüchtlinge haben noch keine Arbeit. Und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft händeringend nach Azubis und Helfern sucht - warum kommen Unternehmen und Flüchtlinge nicht zusammen?

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Laut dem IAB sind zurzeit etwa 1,5 Millionen Geflüchtete in Deutschland. Etwa 70 Prozent von ihnen sind im erwerbsfähigen Alter – so rechnet das IAB. Also: gibt es in Deutschland etwa eine Million Flüchtlinge, die theoretisch arbeiten könnten. Viele besuchen noch Integrationskurse oder Sprachkurse und stehen dem Arbeitsmarkt deshalb noch nicht zur Verfügung. Viele Flüchtlinge können also noch gar nicht arbeiten. Sie kommen nur langsam auf den Arbeitsmarkt. Bisher haben 280.000 Flüchtlinge einen Job gefunden.

Einer von ihnen ist Sammi Olachan (23), er ist vor dem Krieg in Syrien geflohen nach Osthessen, nach Schlitz bei Fulda. Dort arbeitet er in der Weberei Langheinrich. "Ich finde diesen Job ganz toll", sagt er. "Diese Chance habe ich von Herrn Oel bekommen und das finde ich so gut."

Vom Flüchtlingsstrom profitiert

Burkhard Oel ist der Inhaber der Weberei Langheinrich – die setzt voll und ganz auf „Made in Germany“ und das seit 180 Jahren. Allerdings wird es immer schwieriger in Schlitz, einem 10.000 Einwohner Städtchen Azubis und neue Mitarbeiter zu finden. Als dann auf einmal Flüchtlinge in Schlitz ankamen, hat Burkhard Oel sofort die Initiative ergriffen. Er hat sie in einer alten Villa auf seinem Firmengelände untergebracht und ihnen einen Praktikumsplatz in seiner Weberei angeboten. Sie arbeiteten morgens von 6 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr waren sie im Deutschkurs, den Burkhard Oel für sie auf dem Firmengelände organisiert hat.

Flüchtling Abdullah (Irak) in der Weberei Langheinrich
Flüchtling Abdullah (Irak) in der Weberei Langheinrich Bild © hr

Burkhard Oel ist froh, dass die Flüchtlinge da sind. "Mittlerweile haben wir zehn Asylanten beschäftigt, zwei machen eine Ausbildung", sagt er. "Alle werden nach Tarif bezahlt – wir haben vom Flüchtlingsstrom wirklich profitiert.“

Mit Behörden eine Lösung diskutiert

Die meisten Flüchtlinge machen Hilfsjobs, wechseln das Garn an den Maschinen in der Weberei, oder bügeln die Tischdecken auf. Der Unternehmer Burkhard Oel hat Flüchtlinge beschäftigt, obwohl er nicht wusste, ob sie am Ende vielleicht doch abgeschoben werden. Am Anfang konnte ihm auch gar keiner sagen, wen er beschäftigen darf und wen nicht. Deshalb hat er alle Verantwortlichen von den Behörden einfach an seinen Tisch geholt und mit ihnen über eine Lösung diskutiert. Oel meint, bei einem Job, bei dem ein halber Tag Einarbeitung genügt, gehe er kein großes Risiko ein. Deshalb hat er auch Flüchtlinge beschäftigen können, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen waren. Geduldete und Asylbewerber dürfen allerdings nur mit einer Erlaubnis der Ausländerbehörde arbeiten. Jeder Fall wird einzeln geprüft.

Weberei Langheinrich
Weberei Langheinrich Bild © hr

Norbert Grehl-Schmitt von der Caritas Osnabrück hält das Engagement von Burkhard Oel für sehr bewundernswert. Generell sagt er, seien Hilfsjobs ein guter Einstieg, aber sie würden auch die Gefahr bergen, dass die Flüchtlinge langfristig in prekären Beschäftigungsverhältnissen stecken bleiben. Dass Flüchtlinge ausgenutzt werden, passiere immer wieder – auch deshalb würden Beschäftigungsverhältnisse bei jedem Einzelnen genau geprüft. Aber auch er sieht das größte Problem in den unterschiedlichen Zuständigkeiten.

Chaos aus Zuständigkeiten

"Die Asylsuchenden werden über die Bundesagentur für Arbeit betreut", sagt Grehl-Schmitt. "Die Schutzberechtigten über das Jobcenter. Daneben ist das Sozialamt, das die Asylbewerberleistungsmittel auszahlt. Daneben gibt es die Ausländerbehörden, die wiederum aus den Vorgaben der Länder und der Bundespolitik die ausländerrechtlichen Fragen umsetzen. Das ist ein Chaos aus Bundes-, Länder- und kommunalen Zuständigkeiten."

Diese Zuständigkeiten müsse ein Unternehmer erst einmal durchschauen. Auch Burkhard Oel sagt heute, er habe den bürokratischen Aufwand am Anfang unterschätzt. Eigentlich hätte er jemanden nur dafür einstellen müssen. Die Schlitzer Ehrenamtlichen haben ihn zum Glück in diesen Angelegenheiten unterstützt. Mittlerweile gibt es viele Projekte, die versuchen Unternehmen und Flüchtlinge zusammen zu bringen, zum Beispiel das Bundesprogramm Starthilfe Plus und die ESF Integrationsrichtlinie Bund, gefördert vom Europäischen Sozialfond. Hier könne jeder Unternehmer, der Flüchtlinge beschäftigen möchte, Hilfe finden.

Integration hängt von Förderung ab

Laut dem IAB hängt die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge vor allem von der Sprachförderung ab, den Investitionen in Bildung und Ausbildung, der Arbeitsvermittlung und der Aufnahmebereitschaft der Wirtschaft. Professor Herbert Brücker hat mit an der Studie des IAB gearbeitet. Er meint, die Politik müsse stärker investieren, auch berufsbegleitende Deutschkurse anbieten, den Flüchtlingen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Auch der Unternehmer Burkhard Oel hat den Eindruck, dass die Politik mehr tun könnte, zum Beispiel Unternehmen stärker in die Integration mit einbinden. Im Jahr 2016 hat die damalige Bundesregierung ein neues Integrationsgesetz verabschiedet. Damit wurden 100.000 Minijobs für Asylsuchende geschaffen; in vielen Regionen muss nicht mehr geprüft werden, ob Flüchtlinge einen Job machen, den auch ein Deutscher oder anderer EU-Bürger machen könnte und es wurde die "3 plus 2-Regelung" eingeführt: Flüchtlinge, die eine Ausbildung machen, dürfen auch nach Abschluss der Ausbildung für zwei weitere Jahre nicht abgeschoben werden.

Politik zu restriktiv

Norbert Grehl-Schmitt arbeitet für die Caritas und für Pro Asyl. Er sagt in der Praxis, sei das Problem eher, dass mit den Behörden gestritten werde, wer eine Ausbildung machen darf und wer nicht. Er sagt, daran seien nicht die Behörden schuld, sie hielten sich nur an die gesetzlichen Vorgaben, tatsächlich sei die Politik aus Berlin zu restriktiv.

Auch Professor Herbert Brücker vom IAB fordert, dass die Politik mehr in die Flüchtlinge investiert, es sei im Moment noch schwierig vorauszusagen, wie sich die Beschäftigungsquote der Flüchtlinge entwickelt. Zurzeit brauche der deutsche Arbeitsmarkt viele Hilfsarbeiter, aber langfristig gesehen, geht er davon aus, sei es auch wichtig, viele Flüchtlinge gut auszubilden.

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Sendung: hr-iNFO, 7.6.2018, 21.35 Uhr

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