Johannes-Wilhelm Rörig

Johannes-Wilhelm Rörig hat die Ampelkoalitions-Verhandler aufgefordert, sein Amt künftig zu stärken. Jahrelang habe er Klinken putzen müssen, um die Defizite beim Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in die Politik zu tragen, sagt der Missbrauchsbeauftragte dem ARD-Hauptstadtstudio kurz vor Ende seiner zehnjährigen Amstzeit.

Noch ist nicht klar, wer ihm im Amt folgen wird. Auch dafür gibt es keine Regelungen. Aber Rörig weiß, warum er künftig eine gesetzliche Verankerung seines Amtes fordert: "Das Amt braucht Rechte und Pflichten, um ein stärkeres Durchsetzungsvermögen zu haben." Das sei bitter nötig. "Mein Themenfeld ist besonders dadurch belastet, dass die Politik möglichst nichts damit zu tun haben will. Es ist kein Gewinnerthema."

Hilfe für Betroffene verbessern

Der heute 62-Jährige hat das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs 2011 übernommen. Das war kurz nachdem das Berliner Canisius-Kolleg Fälle von sexueller Gewalt gegen Schüler öffentlich gemacht hatte. Ein Tabu war gebrochen. Seitdem geht es um Aufarbeitung und Anerkennung von zerstörten Lebensgeschichten - und es geht um Entschädigungen. Auch von der neuen Regierung fordert Rörig, die Hilfen für Betroffene zu verbessern.

Vor allem müsse alles getan werden, um Kinder und Jugendliche künftig besser zu schützen: "Die Defizite - und wir haben viele Defizite im Bereich der Prävention, der Intervention; das Entdeckungsrisiko für Missbrauchstäter im Netz ist noch lange nicht groß genug - das muss die Politik sich anhören."

Forderung nach Enquete-Kommission

In einem Positionspapier, das dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, treiben den Bundesbeauftragten vor allem die massenhaften Gewalt-Darstellungen im Netz um. 19.000 Strafanzeigen wegen Herstellung, Besitz oder Verbreitung solcher Fotos und Videos hat die Polizei 2020 gezählt. Eine Zunahme um 53 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das liegt auch an Gesetzesverschärfungen. Doch sie reichen dem Unabhängigen Beauftragten nicht aus. Der neue Bundestag müsse schon 2022 eine Enquete-Kommission einzusetzen, um eine grundsätzliche Strategie zu erarbeiten - gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Datenschutz, Kinderschutz, Medienpädagogik, Polizei und den großen Online-Unternehmen:

"Im Moment haben wir so eine Konfrontationsstellung zwischen Datenschutz und Kinderschutz, eine Konfrontation zwischen Ermittler:innen und dem Datenschutz. Da wird immer über die Vorratsdatenspeicherung gesprochen", sagt Rörig. Es sei aber wichtig, dass alle gemeinsam den Kampf gegen sexuelle Gewalt im Netz führen wollen. "Und da müssen wir auch mit den Online-Giganten zusammenarbeiten, sonst kommt man da nicht ans Ziel."

Zentrum für Dunkelfeldforschung

Die meisten der Taten im Netz bleiben unentdeckt oder werden überhaupt nicht angezeigt. "Eine ganz wichtige Forderung an die Politik ist, dass wir ein Zentrum für die Dunkelfeldforschung einrichten in Deutschland. Da sind wir jetzt schon mit dem Deutschen Jugendinstitut im Gespräch." Johannes-Wilhelm Rörig hofft, dass die neue Bundesregierung auch dafür grünes Licht gibt.

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