hr-iNFO-Reporter Jens Borchers mit Anne Archinal im Burgwald

Um unser Wasser droht ein Verteilungskampf. Grund ist der Klimawandel. Auf der einen Seite steigt der Bedarf in Ballungsräumen wie dem Rhein-Main Gebiet, auf der anderen Seite klagen Naturschützer im Vogelsberg oder dem hessischen Burgwald: Der Wasserverbrauch im Rhein-Main Gebiet lässt die Natur buchstäblich austrocknen.

Für die Trinkwasserversorgung wird in Hessen hauptsächlich Grundwasser genutzt. Auf beiden Seiten – also sowohl beim Verbrauch wie bei den Wasser-Ressourcen – hat der Klimawandel Auswirkungen. Stichwort: Verbrauch. Mit dem Klimawandel steigt vor allem im Rhein-Main Gebiet die Zahl der heißen Tage, also der Tage mit Temperaturen über 30 Grad. Vor allem an solchen heißen Tagen wird laut Angaben des Wasserversorgers „Hessenwasser“ rund 30 Prozent mehr Wasser verbraucht als im Durchschnitt. Die Anzahl solcher sogenannter Spitzentage lag in den vergangenen drei Jahren zwischen sieben und elf pro Jahr.  

Heiße Tage in Hessen:

Grafik: Anzahl der heißen Tage in Hessen von 1951 bis 2011

Klima-Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der heißen Tage im Laufe der kommenden Jahrzehnte kontinuierlich erhöht. Im Jahr 2100 könnte es in Frankfurt rund 40 heiße Tage pro Jahr geben. Auf der anderen Seite haben heiße und trockene Jahre mutmaßlich auch Auswirkungen auf das Grundwasser, vor allem auf die Grundwasserneubildung. Welche, das ist allerdings noch nicht absehbar, so das Hessische Landesamt für Naturschutz, Geologie und Umwelt (HLNUG).  

Beispiel Raunheim – Angriff ist die beste Verteidigung 

Thomas Jühe ist Bürgermeister der Stadt Raunheim. Vor einiger Zeit hat er einen Brief von „Hessenwasser“ bekommen, jenem Unternehmen, das Raunheim mit Trinkwasser beliefert. Den Inhalt fasst Jühe so zusammen: „Dass wir die Spitzenverbräuche im Sommer möglicherweise nicht mehr abgedeckt bekommen, aufgrund der Tatsache, dass dann in Trockenheitsperioden besonders viel Wasser entnommen wird - und das könnte Hessenwasser dann gegebenenfalls nicht mehr liefern.” Außerdem wird das Trinkwasser sehr viel teurer.  Anlass des Briefes ist das Auslaufen eines rund 20 Jahre alten Vertrages, der der Stadt Raunheim die Versorgung mit Trinkwasser garantiert.

Thomas Jühe (SPD)

Die Folge: Raunheim überlegt, ob sich die Stadt nicht selbst mit Trinkwasser versorgen kann. Und erste Kalkulationen sagen immerhin: Wenn Raunheim selbst Wasser fördern würde, könnte das für die Raunheimer billiger kommen, als wenn es von außen geliefert wird. Noch ist keine Entscheidung gefallen, aber Bürgermeister Jühe gibt sich selbstbewusst: „Eigenregie heißt, dass wir uns sowohl unter Umwelt-, als auch unter Wirtschaftlichkeitsaspekten zutrauen, mit der Ressource Wasser besonders gut umgehen zu können.“ Ob Raunheim eigenes Wasser fördern kann, ob das auch genehmigt wird – das alles wird frühestens in drei Jahren feststehen. Aber eines zeigt das Beispiel Raunheim schon jetzt: Drei Hitze-Jahre haben ausgereicht, um Plan-Spiele in Gang zu setzen. 

Der Burgwald - die Angst vor dem Austrocknen 

Anne Archinal leitet die Bürgerinitiative “Rettet den Burgwald”. Der Burgwald ist ein Waldareal im Norden des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Anne Archinal ist mit uns auf den Aussichtspunkt Christenberg gefahren:  “Wenn man hier steht und auf diesen großen, zusammenhängenden Wald schaut, der ja auch ein Klima-Wald ist, der uns Kühle und Feuchte, Erholung und Holz zur Verfügung stellt - das ist das, was wir brauchen werden in der Zukunft. Deshalb macht mir das Sorgen, wenn dem Naturraum noch mehr Wasser entzogen wir. Das Wasser muss überwiegend dem Naturraum zur Verfügung gestellt werden und nicht der Verschwendungssucht der Menschen.”

Anne Archinal und ihre Mitstreiter wehren sich dagegen, dass aus ihrer Region Grundwasser entnommen und teilweise bis nach Frankfurt exportiert wird. Denn das habe Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel in der Burgwald-Region. Der sinke ab, dem Wald fehle Wasser und das dürfe nicht sein. Deshalb regt sie sich darüber auf, dass der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke im Umfeld des Waldes Trinkwasser fördert: größtenteils für die Region, aber einen Teil eben auch, um es dann über mehr als 100 Kilometer ins Rhein-Main-Gebiet zu exportieren. Sie sorgt sich um die Grundwasserpegel und die Folgen des Klimawandels in der Region und verweist auf einen Pegel in der Nachbarschaft, der ihr schon heute Sorge bereitet: „Ein ganz, ganz niedriger Pegel, der erholt sich auch gar nicht mehr. Und das ist eine Alarmstufe für mich. Letztlich – aus dem Grundwasser werden auch die Quellen gespeist, die Quellen speisen unsere Bäche und Flüsse und dieser Kreislauf wird sich immer mehr entkoppeln.”  

Die Wasserversorger - es geht um Versorgungssicherheit  

Bernd Petermann ist Geschäftsführer beim Zweckverband Wasserversorgung Stadt und Kreis Offenbach. Wer mit Bernd Petermann spricht, merkt schnell: Beim Thema Wasser, Wasserversorgung ist der Mann in seinem Element. Petermanns zentrales Stichwort lautet: Versorgungssicherheit. Diese Versorgungssicherheit werde zunehmend zur Herausforderung. Da sei das Problem der „Spitzenlasten“ im Sommer.  Da ist aber vor allem auch das Bevölkerungswachstum in der Region: „Wir haben hier die Kommunen Rodgau, Seligenstadt, wir haben Obertshausen, Dietzenbach, wo kräftig gebaut wird, wo Baugebiete ausgewiesen werden. Und wo wir auch immer wieder gefragt werden: 'Wie sieht es aus, könnt ihr den Mehrbedarf absichern?'”  

Wasserturm Offenbach

Der Zweckverband Offenbach bezieht kein Wasser aus dem Vogelsberg, dem Burgwald oder dem hessischen Ried. Das Wasser kommt aus dem eigenen Versorgungsgebiet.  Und hier sind die bestehenden Kapazitäten am Limit. Dabei geht es nicht unbedingt um zu wenig Grundwasser. Wichtiger aus Sicht des Wasserversorger ist die Frage, wie viel sie aus dem Boden aufgrund behördlicher Genehmigung entnehmen dürfen. Stichwort Wasserrechte: „Wir haben das auch mit den Bürgermeistern hier besprochen. Dass wir unsere Wasserrechte zu 99 Prozent auslasten. Und das ist ein Zustand, bezogen auf die Bevölkerungsprognose, dass wir sagen: Wir brauchen hier noch Wasser.“ Petermann wünscht sich mehr Flexibilität bei den Behörden und schnellere Genehmigungsverfahren. Naturschutz sei wichtig, sagt Petermann, aber dass Wasserrechtsverfahren zehn Jahre dauern, sei ein Problem.

Da nütze es auch nur bedingt, wenn die Genehmigung für 30 Jahre erteilt werde. Und noch etwas hält Bernd Petermann für sinnvoll: die verstärkte Nutzung von Brauch- oder Regenwasser, zum Beispiel für den Garten oder die Toilette. Aber auch da gebe es noch vieles zu klären. Von Hygienefragen bis hin zu Vorgaben für Bauherren. Da sei vor allem die Politik gefordert.    

Der Kelsterbacher Wasservertrag aus dem Jahr 1907 

Der Kelsterbacher Bürgermeister Manfred Ockel hält ein Schriftstück in der Hand: “Wir haben mit der Stadt Frankfurt einen Vertrag, der von 1907 datiert ist und der zuletzt 1923 erneuert wurde. Und der besagt, dass die Stadt Frankfurt die Wasserversorgung für Kelsterbach sichert und wir damals sogar mit einem Goldpfennig unter dem Wasserpreis der Stadt Frankfurt liegen”. Ein 100 Jahre alter Vertrag sichert also die Wasserversorgung in der 17.000 Einwohner-Stadt Kelsterbach. Und das auf ewig - der Vertrag sieht keine Kündigung vor. 

Manfred Ockel

Bürgermeister Ockel erzählt die Geschichte des Vertrags: Weil Frankfurt schon damals Wasser aus dem Taunus nutzen wollte, brauchte es eine Versorgungsleitung, die unter dem Main und Kelsterbach nach Frankfurt verlegt werden sollte. Als Gegenleistung ließ sich Kelsterbach damals eine Wasser-Garantie vertraglich zusichern. Bis heute ein richtig guter Deal, freut sich Bürgermeister Ockel:  “Unser Preis beträgt pro Kubikmeter 1,53 Euro. Das ist ein Preis unter dem Durchschnitt in Hessen. Und dafür hat die Stadt Frankfurt keine Kosten der Durchleitung.”  Trotz der Wassergarantie - und auch darauf legt der Bürgermeister Wert –achte man auch in Kelsterbach auf einen sparsamen Umgang: „Weil“, so Bürgermeister Ockel, „Wasser ist ja für alle da.”  

Verhandlungssache Wasser – was macht die Landespolitik? 

In Wiesbaden wird hinter verschlossenen Türen verhandelt. Mit den Kommunen, mit den Wasserversorgern, Natur- und Umweltschützer werden gehört, Experten natürlich auch. Die Landesregierung hat vor drei Jahren ein “Leitbild für ein integriertes Wasserressourcenmanagement Rhein-Main" erstellt. Jetzt geht es um die Umsetzung und die heikle Frage: Wer darf was mit wie viel Wasser tun, ohne andere Interessen zu beeinträchtigen? Diese Verhandlungen laufen noch. Umweltstaatssekretär Oliver Conz spricht von “Nutzungskonflikten”, von einem “Prozess”, in dem die Beteiligten auch miteinander “ringen”. Aber er sagt auch deutlich. „Die politischen Konsequenzen sind ganz klar: Es ist eine Ressource, die knapper wird und in einer Marktwirtschaft bedeutet das, der Preis wird steigen und dann wird es zu Verteilungskämpfen kommen – Landwirtschaft, Industrie und die ganz normale öffentliche Wasserversorgung für uns alle.“ 

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel "Wasser ist für alle da"- die Zukunft des Trinkwassers in Hessen

Ein Wassertropfen fällt in eine Schüssel
Ende des Audiobeitrags

Für Conz sind dabei vor allem zwei Punkte wesentlich: „Das Entscheidende ist, dass wir die Grundwasserneubildung stärken und dass wir auf der anderen Seite den Verbrauch senken.“  Aber all das kostet auch: von Untersuchungen zur Grundwasserneubildung über entsprechende Förder-Projekte vor Ort bis zu Investitionen in eine Wasser-Sparkampagne. Dafür braucht es Geld. Geld, das im Pandemie-gebeutelten Landeshaushalt fehlt, wie Umweltstaatssekretär Conz in unserem Gespräch wiederholt sagt. Naturschützer schlagen deshalb vor, eine Art Wasser-Abgabe einzurichten. So eine Abgabe gibt es in vielen Bundesländern schon – in Hessen nicht. Und CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier hat solchen Überlegungen erst vor wenigen Wochen eine sehr deutliche Absage erteilt.   

Wasser wird in Zukunft teurer

Auf unserer Recherche-Reise haben wir überall erfahren: Die Zeiten, in denen Wasser einfach selbstverständlich und billig da ist, sind vorbei. Um die Ressource Wasser wird es auch bei uns in Hessen eine Verteilungs-Konkurrenz geben, die durch den Klimawandel verschärft wird. Die Verteilung zu organisieren, die verschiedenen beschriebenen Interessen auszugleichen – das ist Aufgabe der Politik. Für uns Verbraucher ist absehbar: Wasser aus dem Hahn wird in Zukunft teurer.   

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