Häusliche Pflege (Symbolbild)

Wer pflegebedürftige Angehörige zu Hause betreut, kann im österreichischen Burgenland jetzt einen regulären Lohn dafür bekommen. Wie funktioniert das Modellprojekt genau? Und wäre es eine Option für Deutschland?

Das 1.000-Einwohnerdorf Eisenberg im Süden des Burgenlands, direkt an der ungarischen Grenze. Hier wohnt Daniela Schneider mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn in einem freistehenden Haus mit Garten. Alles ist auf einer Ebene gebaut, die Flure sind breit, die Küche und das Bad rollstuhlgerecht, denn mit im Haus wohnt auch Oma Margarete. Sie leidet an Multipler Sklerose, einer chronischen Entzündung des Nervensystems.

Irgendwann konnte sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben, erzählt die Tochter Daniela Schneider. "Die linke Seite ist beeinträchtigt. Die linke Hand, der linke Fuß ist viel schlechter als der rechte." Am Anfang seien die Beeinträchtigungen schubweise gekommen, nach Danielas Hochzeit im Jahr 2015 sei es stetig bergab gegangen.

"Sehr emotional, das vom Kind zu hören"

Margarete Zapfel liegt in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett und ruft nach ihrer Tochter. Daniela Schneider kommt, richtet sie auf in die Sitzposition und schiebt ihr eine Vibrationsplatte unter die Füße. Dann greift sie ihrer Mutter unter die Arme und hebt sie auf die vibrierende Platte. Während der Behandlung umklammert Margarete Zapfel ihre Tochter und lächelt. "Für die Kräftigung der Muskulatur - Durchblutung", erklärt sie. "Das tut einfach gut."

Zur Pflege gehören auch anstrengendere Tätigkeiten: Daniela muss ihrer Mutter die Zähne putzen, sie duschen und ihr auf der Toilette helfen. Doch sie hat einen großen Vorteil: Sie ist ein Profi, hat in einem Pflegeheim gearbeitet, bis sie vor vier Jahren den Job für ihre Mutter aufgab. Dabei hatte die Mutter noch vorgeschlagen, dass sie ins Pflegeheim der Tochter einziehen könnte. "Man will ja eigentlich den eigenen Kindern nicht zur Last fallen. Sie haben ja auch ihr eigenes Leben", sagt Margarete Zapfel. Doch ihre Tochter wollte ihre Mutter nicht in ein Heim geben. "Sie hat immer gemeint, es muss niemand auf sie schauen, sie geht halt in ein Heim und ich habe gesagt: Nein, wir bauen um, wir machen das." Die Mutter freute sich: "Es war schon sehr emotional, das vom Kind zu hören, dass das gar kein Problem ist", sagt sie.

1.400 Euro netto für 30 Stunden Pflege

Zwei Jahre pflegte Daniela Schneider ihre Mutter zu Hause. Im Herbst 2019 startete im Burgenland das Pilotprojekt für pflegende Angehörige. Daniela Schneider wurde beim Land angestellt. Jetzt verdient sie gut 1.400 Euro netto für 30 Stunden Pflege pro Woche, dazu gibt es Urlaubsgeld, Renten- und Sozialversicherungsbeiträge. Dass sie neben ihrem Mann ein zweites Einkommen bekommt, ist wie ein Sechser im Lotto, sagt sie: "Wir waren beim Hausbauen und jeder Cent wird gebraucht. Und dass diese Arbeit, die man da leistet - und das ist auch Arbeit -, honoriert wird ..."

Für die Pflege werden Margarete Zapfel rund 80 Prozent ihres Pflegegeldes und ein Viertel ihrer Rente abgezogen, der Rest wird vom Land aufgestockt. Doch das Geld bleibt in der Familie und fließt in den Lohn der Tochter. Organisiert wird das Projekt von der landeseigenen "Pflegeservice Burgenland GmbH". Geschäftsführerin Klaudia Friedl erzählt, dass im Moment 220 Personen mitmachen. Etwa 80 Prozent von ihnen betreuen Senioren, 20 Prozent behinderte Kinder. Es gebe natürlich gesetzliche Auflagen: "Man muss verwandt sein. Man muss maximal 15 Minuten entfernt wohnen zu den betreuten Angehörigen. Und das dritte ist dann: Ab der Pflegestufe drei ist es möglich, dass man betreut."

100 Stunden Grundausbildung

Die pflegenden Angehörigen bekommen eine hundertstündige Grundausbildung, die sie dann kostenlos erweitern können zu einer anerkannten Berufsausbildung zum Pflegehelfer. Es gibt regelmäßige Kontrollen durch professionelle Hauskrankenpfleger, die die Familien besuchen und ihnen bei komplizierteren Pflegetätigkeiten helfen.

Das Ganze funktioniere gut, sagt Klaudia Friedl erleichtert. Sie hätten sich am Anfang schon gefragt, was passiere, wenn sie nicht vor Ort seien und hinschauten. Aber: "Ich muss dazu sagen, dass die Familien, die sich dazu entschließen, ganz besondere Familien sind, die eine besondere, enge Verbindung haben. Und deshalb ist dieses Modell auch nur für ganz bestimmte Familienkonstellationen passend."

 Prestigeprojekt der SPÖ

Das Modell ist ein Prestigeprojekt der österreichischen Sozialdemokraten, die im Burgenland regieren. Ansonsten wird Österreich von der konservativen ÖVP dominiert. SPÖ-Vertreter machten immer wieder klar, dass sie sich mit dem Pflegemodell von der ÖVP abheben würden. Bei der Einführung des Modells sprach der damals im Burgenland zuständige SPÖ-Landesrat für Soziales, Christian Illedits, von einer Lösung für die Pflege-Problematik in Österreich: "Wir haben vor kurzem gehört, dass fast eine Millionen Menschen vom Thema Pflege tangiert sind, zehn Prozent der gesamten Bevölkerung von Österreich. Das heißt, man braucht Lösungen. Alle sind sich einig, aber viele reden nur davon, wir setzen um. Und wir geben den Menschen das zurück, was wichtig ist. Arbeit heißt Würde."

Kritik: Gefahr für professionelle Pflege

Die ÖVP kritisiert das Projekt als "Nischenprodukt", das nur von gut 200 Personen genutzt werde und für maximal 600 in Frage käme. Demgegenüber stünden aber 10.000 Pflegebedürftige im Burgenland. Kritik kommt auch von Fachleuten, unter anderem von der Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien, Hanna Mayer. Sie findet es nicht gut, dass die Politik auf Pflege im privaten Bereich setze und sieht eine Gefahr für die professionelle Pflege: "Dass der Beruf der professionellen Pflege gesellschaftlich, aber auch politsch abgewertet wird. So nach dem Motto: Das kann man eh mit 100 Stunden lernen und das kann jeder."

Für Hanna Mayer gibt es nur eine Möglichkeit, wirksam etwas gegen den Pflegenotstand zu tun: Der Staat müsse massiv in die Pflegeeinrichtungen investieren und vor allem mehr Personal anstellen. Denn viele junge Menschen würden in der Pflege arbeiten wollen, wenn die Arbeitsbedingungen nicht so schlecht wären, sagt Mayer. Die Pflege den Angehörigen zu überlassen, findet die Pflegewissenschaftlerin grundsätzlich problematisch.

"Man verschiebt hier Rollen", sagt sie. Bei Angehörigen stelle sich die Frage: Habe ich Arbeitszeiten? Kann ich nach acht Stunden sagen: Nein, mache ich nicht mehr? "Ich als professionell Pflegende kann ganz anders mit schwierigen Situationen umgehen, weil ich mich distanzieren kann. Das kann ich natürlich als Tochter gegenüber meiner Mutter nicht - oder ganz schwierig."

Interesse aus Deutschland

Und dennoch gibt es auch woanders Interesse, das Anstellungsmodell aus dem Burgenland zu übernehmen. In Oberösterreich startet gerade ein Pilotprojekt mit behinderten Kindern, die Stadt Wien erarbeitet auch ein Konzept. Und auch in Deutschland wird das Projekt aufmerksam beobachtet. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, sagt, er sei sehr gespannt auf die erste Evaluationen aus dem Burgenland: "Ich finde dieses Modellprojekt höchst spannend. Zum einen wird die Arbeit pflegender Angehöriger als solche anerkannt und entlohnt, unser Pflegegeld, so wie wir es kennen, erfüllt ja bislang gerade nicht diese Funktion. Und zum anderen ist es eine Alternative zur so genannten 24-Stunden-Betreuung, die ja in Österreich, anders als in Deutschland, bereits vor vielen Jahren rechtssicher aufgestellt wurde. Auch die Mindeststandards und die Berücksichtigung anderer Sozialleistungen halte ich für sehr durchdacht."

Für das Burgenland lohnt sich das Anstellungsmodell auch finanziell. Denn einen pflegenden Angehörigen zu entlohnen kostet weniger als ein Platz in einem Pflegeheim.

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