Ein Mann sitzt vor einem Fenster.

Depressionen sind eine anerkannte Krankheit und behandelbar: Das will die Deutsche Bahn mit ihrem Modellprojekt "Peers at Work" vermitteln. Mitarbeitende, die selbst schon mal eine Depression hatten, werden geschult und sollen betroffenen Kolleginnen und Kollegen helfen. Eine einfache Idee, die offensichtlich funktioniert.

Alles braucht unglaublich viel Kraft in einer depressiven Phase. Dinge, die früher Spaß gemacht haben, sind auf einmal nicht mehr interessant, viele Betroffene fühlen sich niedergeschlagen, teilweise auch unfähig, eigene Gefühle wahrzunehmen. Und viele haben Angst, das öffentlich zu machen.

"Das Stigma loswerden"

Jochen Bestgen hat das selbst schon durchgemacht, er ist an Depressionen erkrankt und weiß deswegen ganz genau, wie sich das anfühlt: "Aus der eigenen Erfahrung wusste ich, wie viel Energie das kostet und wie viel Energie es auch kostet, diesen Schein zu wahren, dass man noch funktioniert." Er wolle deshalb dafür sorgen, dass seine Kollegen diese Energie nicht aufwenden müssen und aus erster Hand erfahren, an wen sie sich wenden können. Und dass sie "vielleicht sogar Strategien von mir übernehmen können, wie ich mit meiner Depression klarkomme."

Deswegen engagiert sich Jochen Bestgen als sogenannter "kollegialer Depressionsberater", er unterstützt Betroffene bei seinem Arbeitgeber, der Deutschen Bahn. Der Konzern hat vor vier Jahren mit dem Projekt "Peers at Work" angefangen. Betreut wird das Modellprojekt von der konzernnahen Stiftungsfamilie. Knut-Sören Ostermann arbeitet für die Stiftungsfamilie und erklärt, warum die Bahn Depressiven helfen möchte und dieses Projekt auf die Beine gestellt hat: "Dieses Stigma loszuwerden, Depression ist eine Gefühlsschwankung. Wir fahren da sehr klar und sagen: Die Depression ist eine anerkannte, klassifizierbare Erkrankung. Es ist eine Erkrankung, die jeden treffen kann, auch das ist ganz, ganz wichtig. Und es ist vor allem eine Erkrankung, die therapierbar ist, die behandelbar ist."

Modellprojekt wird zu etwas Langfristigem

Kontakt zu den Beratenden gibt es über E-Mail oder auch telefonisch. Dann gibt es ein erstes Gespräch zum Kennenlernen und Abklopfen der Bedingungen. Diese Gespräche sind streng vertraulich. Die Beratenden sind geschult, aber keine Therapeuten. Eine Aufgabe mit großer Verantwortung, das ist Jochen Bestgen sehr bewusst: "Vor der ersten Beratung hatte ich eine schlaflose Nacht, weil ich nicht wusste, wie gehe ich damit um?", erzählt Jochen Bestgen. Er habe sich Gedanken darüber gemacht, ob er wieder "in eine Phase" reinkomme, ob er dem Mitarbeiter mehr helfe oder schade. "Ich muss aber sagen, dass es in all den Beratungen, die ich bislang geführt habe, sowohl mir besser ging als auch den Kollegen. Bei den Kollegen ist es wirklich so, dass man zum Schluss merkt, dass da eine Last von der Seele genommen worden ist."

Umgekehrt bekommt Jochen Bestgen in den sehr persönlichen Gesprächen auch neue Ideen, wie er die nächste depressive Phase angehen kann. Er als kollegialer Berater gibt der Depression am Arbeitsplatz Deutsche Bahn ein Gesicht, er macht sie sichtbarer. Er ist stolz darauf, dass die Bahn das möglich macht. Dieses einfache Projekt funktioniert. Deswegen wird aus der Modell-Idee zum Jahreswechsel auch etwas Langfristiges, darüber sind die Beteiligten sichtlich froh. Ihnen wäre es lieb, wenn sich möglichst viele Unternehmen diese Idee abschauen.

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Hilfe bei Depressionen

Bei Suizidgedanken sollten sie in jedem Fall die Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort kontaktieren. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der Telefonnummer 116 117 zu erreichen. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Hilfsangebote.

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung zu jeder Tages- und Nachtzeit unter den bundesweiten Telefonnummern (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222. Die Telefonseelsorge bietet auch eine Mail- und eine Chat-Beratung an.
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: erreichbar montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 17 Uhr sowie mittwochs und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr unter (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet auch einen Selbsttest sowie Informationen und Adressen rund um das Thema Depression an.
  • Diskussionsforum Depression: Erfahrungsaustausch für Betroffene und Angehörige
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