Saudi-Arabien, Riad: Männer gehen über den Al-Safah-Platz
Der Al-Safah-Platz in Riad wird von der saudischen Regierung für öffentliche Exekutionen, zumeinst Enthauptungen, genutzt. Bild © picture-alliance/dpa

In Saudi-Arabien ist vieles im Umbruch: Zum Beispiel dürfen Frauen Auto fahren und ein Kino wird eröffnet. Wohin führt Kronprinz Mohammed bin Salman sein Land?

30. März 2018: In der christlichen Welt ist Karfreitag und in Deutschland sind vielerorts Unterhaltungsveranstaltungen verboten. Ein Kontrastprogramm findet in der saudi-arabischen Hafenstadt Jeddah statt: Der ägyptische Popstar Tamer Hosny tritt vor sein Publikum. Aus tausenden von Kehlen, vor allem von Frauen, schallt ihm Jubel entgegen. Frauen im Publikum, auch noch unverschleiert: Im strikt islamischen Saudi-Arabien ist das eine Sensation, die bis vor kurzem undenkbar gewesen wäre.

Ebenso undenkbar schien es jahrzehntelang, dass Frauen in Saudi-Arabien den Führerschein machen und selbst ein Auto lenken könnten. Ab Juni 2018 wird ihnen das endlich erlaubt sein, sogar LKW dürfen sie dann steuern.

Am 18. April wird in der Hauptstadt Riad das erste Kino eröffnen. Kinos gab es dort seit langem nicht mehr. Das letzte Kino schloss Anfang der 80er Jahre. Damals, 1979, nach der islamischen Revolution im Iran und dem terroristischen Überfall auf die große Moschee in Mekka mit hunderten von Toten hatten im streng islamischen Saudi-Arabien religiöse Hardliner die Oberhand bekommen.

Der junge Kronprinz hat die Jungen hinter sich

Die treibende Kraft hinter all den atemberaubend scheinenden Umbrüchen in Saudi-Arabien ist der junge Kronprinz Mohammed Bin Salman. Er ist 32 Jahre alt. 60 Prozent der Bevölkerung sind 30 Jahre alt oder jünger.

Bei diesen jungen Saudis kommt die Öffnung sehr gut an. Die Regierung finanziert jedem jungen Bürger, egal ob Mann oder Frau, ein Studium im Ausland. Wenn sie zurückkehren, wollen sie zwar nicht ihre Traditionen und ihre Kultur über Bord werfen – „auch junge Saudis sind sehr, sehr fromme und gläubige Menschen“, sagt Carsten Kühntopp, ARD-Korrespondent für Saudi-Arabien. Aber sie wollen, dass das Leben in ihrem Land „normaler“ wird.

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Genau das will auch Mohammed bin Salman. Sein Programm heißt "Vision 2030". Damit will er das Land von der alleinigen Abhängigkeit vom Ölsektor befreien. Andere wirtschaftliche Bereiche sollen gestärkt werden. Dazu braucht das Land auch die Arbeit der Frauen. Schon jetzt müssen viele Frauen arbeiten, weil die Familien ihr zusätzliches Einkommen brauchen.

Haben viele von uns im fernen Deutschland nicht immer gedacht, im reichen Ölland Saudi-Arabien leben nur superreiche Scheichs, die sich um ihr Auskommen keine Sorgen machen müssen? "Dieses Klischee hat noch nie gestimmt", sagt Carsten Kühntopp. "Wenn Sie durch das Land fahren, sehen Sie wirklich arme Dörfer. Da sehen Sie Bauern, die auf den Feldern arbeiten. Und Sie sehen auch, dass die nicht reich sind, sondern eben hart arbeiten müssen. Das ist die Realität dort."

Reformer, Populist, aber kein Demokratisierer

Wendet sich Saudi-Arabien jetzt wirklich vom konservativen, strengen Islam ab? Eigentlich ist dieser Wandel im Land schon länger im Gange, sagt der Politikwissenschaftler Sebastian Sons, Saudi-Arabien-Kenner bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP): "Schon seit mehreren Jahren, fast schon Jahrzehnten, wurde der konservative Klerus Schritt für Schritt entmachtet. Mohammed bin Salman greift die Trends in der Gesellschaft auf. Viele der Jungen sind nicht mehr so konservativ wie ihre Eltern und ihre Großeltern und das wirkt sich auch auf die Politik aus." Mohammed bin Salman sei in gewisser Weise ein Populist, erklärt Sons weiter: "Er macht Politik für eine bestimmte Klientel. Diese Klientel sind die jungen Menschen und eben nicht mehr die traditionellen Eliten, weder die Religionsgelehrten noch die einflussreichen Händler und Geschäftsleute."

Mohammed bin Salman will das Land wirtschaftlich öffnen, er will auch den Tourismus fördern. Das dürfe man aber nicht mit politischen Reformen verwechseln, sagt Sebastian Sons: "Saudi-Arabien ist nach wie vor ein autokratisches, ein autoritär regiertes Land, in dem Mohammed bin Salman alle Fäden in der Hand hält und in dem traditionelle Machtzentren auch innerhalb des Königshauses zunehmend marginalisiert und an den Rand gedrängt werden."

Mohammed bin Salman
Mohammed bin Salman Bild © picture-alliance/dpa

So hat er hat im Laufe des vergangenen Jahres alle seine Kritiker und möglichen Rivalen hinter Gitter gebracht, sagt Carsten Kühntopp. Man sehe mehr die Entwicklung von einer "Mehr-Mann-Autokratie" zu einer "Ein-Mann-Autokratie", meint Sons. Die Opposition habe es unter dem Kronprinzen noch schwerer als vorher. Saudi-Arabien durchlebt momentan eine wirtschaftliche Krise, sagt Sons.

Übernimmt sich da Mohammed bin Salman nicht vielleicht mit seiner "Vision 2030"? So plant er eine neue Megastadt namens "Neom" an der Grenze zu Ägypten und Jordanien. "Das ist bisher nicht mehr als eine wunderschön gemachte Webseite", meint Carsten Kühntopp. Ihm ist nicht klar, wie "Neom" funktionieren soll. "Denn eine Stadt, die Sie neu bauen, die sie in die Wüste stellen, braucht einen wirtschaftlichen Anker", so Kühntopp.

Einen solchen wirtschaftlichen Anker sieht er aber für ein anderes Projekt: „King Abdallah Economic City“. Dort entsteht ein Tiefseehafen. Diesen Hafen brauche Saudi-Arabien dringend. Der bisherige Hafen in Jeddah sei überaltert und hoffungslos überlastet. Viele Produkte kämen über Dubai ins Land und bräuchten acht Tage, bis sie im Supermarktregal stehen. Im Jahr 2035 soll die Bevölkerung von King Abdallah City von jetzt 7000 auf zwei Millionen wachsen.  

Der Erzfeind Israel ist kein Feind mehr

Israel habe das Recht auf einen eigenen Staat, sagte Mohammed bin Salman kürzlich in einem Interview mit der US-Zeitschrift „The Atlantic“.  Das ist eine neue, pragmatische Haltung, denn, meint Sebastian Sons: Wichtiger für den Kronprinzen sei die Feindschaft mit dem Iran. Saudi-Arabien sieht sich vom Iran bedroht und Salman mache die Anti-Iran-Propaganda zu einem Teil seines populistischen Kurses. Dafür suche er Verbündete:  Israel, die USA von Donald Trump, Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate.

Saudi-Arabien führt einen blutigen Krieg im südlichen Nachbarn Jemen gegen die schiitischen Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Dieser Krieg ist weniger erfolgreich als erhofft, und die Kosten dafür seien „exorbitant hoch“. Die Raketenangriffe aus dem Jemen etwa auf die saudi-arabische Hauptstadt Riad „zehren selbstverständlich auch an der Psyche der Menschen“. Denn solche direkten Bedrohungen im eigenen Land durch einen Krieg seien die Menschen nicht gewohnt.

Mohammed bin Salman präsentiert sich außenpolitisch als „sehr konfrontativer Akteur“, der eher die Spaltung suche als die Versöhnung. So hat er mit Ägypten gemeinsam eine Blockade des Nachbarn Katar eingeführt, das wiederum mit der Türkei verbündet ist. Zu diesem Kurs trage auch der Kurs von US-Präsident Donald Trump bei, der, sehr unversöhnlich und parteiisch, ausschließlich Saudi-Arabien unterstütze und nicht den Ausgleich mit dem Iran sucht. So gibt Kronprinz Salman den Frauen seines Landes viele neue Rechte, den Jungen Kinos und Konzerte und Donald Trump einen treuen Verbündeten gegen den gemeinsamen Feind in Teheran.

Sendung: Donnerstag, 5.4.2018, 19.30 Uhr

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