grüne Mülltüten in Brüssel
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Orange ist für Bio, aber nicht für Eierschalen; blau ist für Plastik, aber nicht für Verpackungen: Wer meint , das deutsche Mülltrennungssystem sei kompliziert, war wohl noch nie in Brüssel.

Uns Deutschen sagt man im Ausland gerne ein obsessives Verhältnis zum Müll nach: sammeln, trennen, sortieren, pünktlich die Tonne raus, recyceln und wiederverwerten - da macht uns so schnell keiner was vor. Bisher konnte ich über dieses Klischee herzlich mitlachen, bis ich nach Brüssel kam. Denn in der Stadt, in der jene Europäische Kommission sitzt, die erst vor ein paar Monaten neue ehrgeizige EU-Recyclingziele beschlossen hat, regiert das reinste Müll-Chaos: Alles beginnt damit, dass es keine Mülltonnen gibt. Stattdessen kauft der Brüsseler städtische zertifizierte Mülltüten im Supermarkt, im Spätverkauf mit Aufschlag oder über dunkle Kanäle auf Flohmärkten zum halben Preis.

Weiße, blaue, gelbe, orangene, grüne und pinke Säcke müssen dann je nach Wochentag pünktlich auf die Straße gestellt werden. Aber nicht zu früh, das kostet 150 Euro Strafe. Und bloß nicht zu spät, sonst muss man die zwischenzeitlich nassgeregten Säcke wieder in die Wohnung holen und warten bis nächste Woche.

Und selbst wenn man pünktlich nachts um drei aufgestanden ist, bevor um fünf der Müllwagen kommt, bleibt Katzen, Krähen, Mardern und Füchsen noch genügend Zeit, die Tüten auseinanderzurupfen und auf der Suche nach einem alten Brötchen eine Ladung gefüllter Babywindeln auf dem Gehweg zu verteilen und die schöne Müllsortierung wieder durcheinander zu bringen.

Ein Hoch auf die Privatisierung

Gelbe Säcke sind für Papier, es sei denn man hat einen Karton. Den kann man auch gratis auf die Straße stellen, selbst wenn er randvoll mit Papiermüll ist. Blau ist für Plastik, aber nicht für Verpackungen, sondern eigentlich nur für Dosen und Flaschen, auf die es in Belgien kein Pfand gibt. Orange ist für Bio, aber nicht für Eierschalen, die sind Tierabfall. Und auch nicht für welke Blumensträuße, die sind Gartenabfälle und müssten in eine grüne Tüte, wie mein aufmerksamer Nachbar mich wöchentlich zurechtweist, bevor ich mit stechendem Blick die gesamte falsch befüllte Bio-Tüte nehme und sie in die ohnehin nur halbvolle, weiße Restmülltüte werfe, weil dann geht es wieder.

Apropos grüne Tüte: Die sollen jetzt biologisch abbaubar sein, aber die Produktion kommt in Brüssel nicht hinterher, sodass es einen Engpass alter Tüten gibt und Eigenheimbesitzer, Rasenmäher und Laubsammler ihre Tüten jetzt rationiert bei den Müllbetrieben abholen mussten. Beschränkt auf – kein Witz – eine Rolle pro Tag und Person. Ein Hoch auf die Privatisierung.

Der Kollege aus dem ARD-Studio Tokio erzählte neulich, dass die Japaner gegen das Raben-Problem extra Nylon-Netze über ihre Müllsäcke legen. Ich bin sicher, da kommen die Brüsseler auch noch drauf. Ob die Netzte dann wiederverwertet werden? Und wenn ja, in welcher Tüte? Ich bin gespannt.

Sendung: hr-iNFO, 28.9.2018, 14:50 Uhr

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