Tee

Tee soll vor Krebs, Alzheimer, Parkinson, Multipler Sklerose und Herzinfarkt schützen, vor allem Grüner Tee wird als Wundermittel angepriesen. Die Hersteller berufen sich gerne auf Studien, die die gesundheitsfördernde Wirkung belegen sollen. Was ist wirklich dran?

Die Welt der Teeforschung ist kaum noch zu überblicken. Tausende von Studien befassen sich mit der Wirkung von Tee. Vor allem auf die Gesundheit, aber auch auf Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit. Vorweg: Es geht hier nicht um Rooibos, Ingwer oder Kräutertee, sondern ausschließlich um echten Tee, aus den Blättern der Teepflanze, Camellia Sinensis.

Viele Studien untersuchen den Zusammenhang zwischen Teekonsum und Lebenserwartung. Und solche epidemiologischen Daten zeigen tatsächlich: Wer viel Tee trinkt, lebt statistisch länger und hat ein geringeres Risiko, an neurodegenerativen Leiden wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose zu erkranken. Und schon 1995 zeigte eine japanische Studie an Krebspatienten: Diejenigen, die im Schnitt mehr als 1,2 Liter grünen Tee tranken, sind im Schnitt drei Jahre (Männer) beziehungsweise sieben Jahre (Frauen) später an Krebs erkrankt.

Tee und Lebenserwartung: schwer zu beweisen

Doch ist der Tee dafür verantwortlich? Das muss nicht sein, sagt Prof. Friedemann Paul von der Charité in Berlin. "Das kann auch mit dem Lebensstil und der Umwelt zusammenhängen." Mit anderen Worten: Japaner erreichen zwar ein hohes Lebensalter – aber ob das am Tee liegt, am vielen Fisch oder am wenigen roten Fleisch, ist schwer zu beweisen. Und eine französische Studie fand schon vor Jahren heraus: Teetrinker rauchen weniger und bewegen sich mehr. Auch das kann dazu führen, dass die durchschnittliche Teetrinkerin eine höhere Lebenserwartung hat als ihr bier- und limotrinkender Nachbar.

Tee-Plantage in China

Trotzdem: Die hohe Lebenserwartung von Teetrinkern genügt Wissenschaftlern wie Friedemann Paul, dieser Spur nachzugehen. Er untersucht die Wirkung von Tee auf Multiple Sklerose (MS). Der erste Schritt waren Tierversuche. Bei Mäusen zeigte sich tatsächlich: Ein konzentrierter Teeextrakt, mit dem MS-kranke Tiere gefüttert wurden, hatte eine positive Wirkung auf den Verlauf der Krankheit.

Doch von Tierversuchen kann man noch nicht automatisch auf Menschen schließen. Deshalb folgte eine erste klinische Studie an 120 Patienten. Auch sie bekamen Kapseln mit einem Konzentrat aus EGCG – dem Inhaltsstoff im Grünen Tee, der für all die positiven Wirkungen verantwortlich gemacht wird. Diese Kapseln nahmen die Patienten zusätzlich zu den anderen Medikamenten, die ihnen verschrieben worden waren.

Doch das Ergebnis war ernüchternd: Das Grüntee-Konzentrat führte zu keinem besseren Behandlungserfolg. "Das heißt nicht zwingend, dass die Substanz keine Wirkung hat. Das kann viele andere Gründe haben. Vielleicht war die Fallzahl zu klein, um einen Effekt zu zeigen, vielleicht war die Behandlungsdauer mit 18 Monaten zu kurz“, konstatiert Paul. Doch eins lässt sich sagen: Falls das Grüntee-Konzentrat doch eine Wirkung auf den Verlauf von Multipler Sklerose haben sollte, dann ist sie so schwach, dass sie in diesem Experiment nicht auffiel.

"Zum Teil ist viel Esoterik im Spiel"

Wie ist die Medizin überhaupt darauf gekommen, dass die Grüntee-Substanz Epigallocatechingallat eine so positive Wirkung haben soll? Prof. Erich Wanker war daran beteiligt. Er arbeitet am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Sein Interesse galt vielmehr bestimmten, fehlgefalteten Eiweißen, sogenannten Amyloid-Ablagerungen in Nervenzellen. Sie stehen im Verdacht, schwere Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson auszulösen. Wanker wollte wissen: Gibt es Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Struktur gegen diese Amyloid-Klumpen in irgendeiner Weise wirken könnten? Und unter tausenden Substanzen, die dafür in Frage kamen, war eben auch: EGCG.

"Wir hatten nie das Interesse an Grünen Tee, sondern wir haben diese Substanz gefunden, als wir über 5.000 chemische Verbindungen systematisch getestet haben. Dann haben wir eben gesehen, das EGCG ganz besondere Eigenschaften hat. Dass es im Grünen Tee vorkommt, hat uns anfangs eher abgeschreckt. Es gibt über 5.000 Publikationen dazu, zum Teil ist sehr viel Esoterik im Spiel."

Tee-Pflanze

Aber Wankers Untersuchungen bestätigten sich. Und er sollte Recht behalten: In Laborversuchen konnte er zeigen, dass das EGCG tatsächlich die fehlgefalteten Proteine in einer Weise verändert, die der Körper besser abbauen kann. Doch das funktioniert bisher vor allem im Reagenzglas und an speziell gezüchteten nervenähnlichen Zellen.

Wirkung im Labor, aber nicht im menschlichen Körper

Gerade in jüngster Zeit machen viele Forscher ähnliche Erfahrungen. Ob es um Alzheimer geht, um Parkinson oder Krebs. Laborversuche wie die von Ernst Wanker wecken große Erwartungen – die dann aber in klinischen Studien platzen, weil dort die erhoffte Wirkung ausbleibt.

Warum wirkt EGCG im Labor – aber dann offenbar doch nicht im menschlichen Körper? Dafür gibt es mehrere Erklärungen:

  • Grüner Tee in flüssiger Form enthält längst nicht so viel EGCG wie die hochkonzentrierten Kapseln.
  • Das "getrunkene" EGCG wird vom Körper größtenteils gar nicht aufgenommen und gelangt somit gar nicht erst an die Stellen, wo es wirken könnte. Forscher sprechen von der fehlenden Bioverfügbarkeit.

Vorsicht vor Kapseln mit Tee-Extrakt

Ungeachtet dieser Erkenntnisse werden EGCG-Kapseln inzwischen vielerorts als Wundermittel angepriesen – gerade auch im Internet. Die Neurotoxikologin Ellen Fritsche beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. "Solche Substanzen unterliegen nicht der Chemikalienverordnung. Sie sind nicht so streng kontrolliert wie zum Beispiel Pestizide." Die Kapseln mit dem Tee-Extrakt suggerieren zwar eine gesundheitliche Wirkung. Weil sie aber als Nahrungsergänzungsmittel gelten, nicht als Medikamente, müssen die Hersteller nicht beweisen, dass sie wirklich einen Nutzen haben. Und anders als Arzneimittel werden sie auch kaum auf mögliche Nebenwirkungen überprüft.

Genau die hat Ellen Fritsche bei EGCG aber festgestellt. Hohe Dosen der Substanz können Nervenzellen schädigen und zu Fehlentwicklungen im Gehirn führen. Auch dies sind bislang Laborstudien an Zellen. Für Ellen Frische jedoch Anlass genug vorsichtig zu sein. Schwangere und kleine Kinder seien demnach gut beraten, keine hochdosierten EGCG-Kapseln einzunehmen.

Im April 2018 warnte die europäische Lebensmittelbehörde EFSA: Ab einer Dosis von 800 mg täglich können Grüntee-Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln die Leber schädigen. Die Behörde schlägt auch eine klarere Kennzeichnung solcher Produkte hinsichtlich ihrer Gesundheitsrisiken vor. Wohlgemerkt, die Bedenken richten sich nur gegen das hochdosierte Konzentrat, nicht gegen normalen Tee in flüssiger Form.

Koffein statt EGCG?

Was Schwarzen Tee betrifft, gibt es eine bemerkenswerte Studie aus dem Jahr 2017 von Dr. Mario Lorenz an der Charité. Er untersuchte die Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System. Es gab zuvor schon Hinweise, dass EGCG bestimmte Prozesse in Gang setzt, die zu einer Erweiterung der Blutgefäße führen. Das würde hohem Blutdruck entgegenwirken und das Infarktrisiko senken.

Schwarzer Tee

Eine Testreihe mit 50 Probanden fiel jedoch auch hier negativ aus. Ob die Probanden die Kapseln mit konzentriertem EGCG schluckten oder einfach heißes Wasser tranken – auf die Blutgefäße hatte es keinen Einfluss.

Nur in einem Fall weiteten sich die Adern: Dann nämlich, wenn die Versuchspersonen – ganz normal – Tee tranken. Und dann war es auch egal, ob der Tee grün oder schwarz ist – obwohl im Schwarz-Tee praktisch kein EGCG mehr enthalten ist. Und der Tee sollte keine Milch enthalten – das haben schon andere Studien gezeigt: Milch im Tee zerstört die Wirkung.

So drängt sich ein Verdacht auf: Sollte die Wissenschaft jahrelang auf die falsche Substanz gesetzt haben? Ist es vielleicht gar nicht das EGCG, das dem Tee seine möglichen positiven Wirkungen verleiht? Sondern eine Substanz, die in Grünem wie im Schwarzen Tee gleichermaßen vorhanden ist. Koffein? Oder die Aminosäure Theanin? Trotz tausender Studien bleibt unterm Strich wenig Verlässliches.

Trinken Sie Tee – aber nicht, um länger zu leben!

Es gibt viele gute Gründe, Tee zu trinken. Er enthält viel Flüssigkeit, keine Kalorien, keinen Alkohol und ist billiger als Bier und Saft. Kurzfristig steigert er die Konzentrationsfähigkeit, oft hebt er auch die Stimmung: Koffein kann sogar leicht euphorisierend wirken.

Und sind die Geschmacksnerven entsprechend sensibilisiert, kann man sich an einem guten First Flush Darjeeling oder einem feinen Sencha so erfreuen wie andere an einem edlen Wein. Vermutlich hat Tee auch die ein oder andere gesundheitlich positive Wirkung. Aber wenn Sie ihn nur trinken, um länger zu leben – erwarten sie nicht zu viel!

Weitere Informationen

Tee-Fakten

  • Innerhalb der vergangenen 100 Jahre hat sich die weltweite Teeproduktion mehr als verzehnfacht. Tee ist damit auch weiterhin das beliebteste Getränk der Welt, gleich nach Wasser und weit vor Kaffee.


  • China ist 2016 nach wie vor mit Abstand wichtigster Produzent  von Grüntee. Indien bestätigte seine führende Rolle als Produzent von Schwarztee. Weltgrößter Exporteur von Tee insgesamt war jedoch Kenia. Das noch sehr junge Tee-Anbauland – es begann erst 1928 mit dem Tee-Export – hat 2016 insgesamt  433.551 Tonnen Tee ausgeführt. China hat den Weltmarkt mit 328.692 Tonnen beliefert, gefolgt von Sri Lanka mit 280.874 Tonnen und Indien mit 213.500 Tonnen.


  • Im  Durchschnitt hat jeder Bundesbürger 2016 28 Liter Tee getrunken. Weltmeister im Teetrinken sind noch vor den Briten die Ostfriesen: Sie trinken mehr als 300 Liter pro Jahr, die Briten etwa 200 Liter.


  • Der Begriff Tee wird umgangsspachlich für vieles, was mit heißem Wasser aufgebrüht werden kann, verwendet. Echter Tee ist aber eigentlich nur das, was aus den Blättern der Teepflanze - Camellia sinensis - hergestellt wurde, also: Weißer, Grüner, Gelber oder Schwarzer Tee und Oolong oder Pu Erh.


  • Weißer, Grüner, Gelber oder Schwarzer Tee und Oolong oder Pu Erh unterscheiden sich nicht nach Blättern oder Pflanzen, sondern nur nach der Herstellungsmethode. Alle Tee-Sorten werden aus den Blättern der Camellia-Teepflanzen hergestellt, die beiden Ur-Teepflanzen sind die Thea sinensis und die Thea assamica. Weißer Tee wird etwa nur gepflückt und getrocknet, schwarzer Tee unter anderem auch noch fermentiert.
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Sendung: hr-iNFO, 25.12.2018, 7:35 Uhr

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